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Mein Leben als Mensch — Verfasst am 08.02.2010

149_Kasachstan

Lilly ist weg. Einfach verschwunden. Lilly war der dsungarische Zwerghamster unseres Sohnes Nick. Wir kauften zwei dieser wühlenden Nager zu Weihnachten, einen für Carla und einen für Nick, aus Gerechtigkeitsgründen. Beim Kauf riet man uns davon ab, beide in einem gemeinsamen Käfig zu setzen, weil es sein könnte, dass sie sich gegenseitig umbrächten. Das konnten wir uns angesichts des pazifistischen Äußeren dieser winzig kleinen kasachischen Hämsterchen nicht vorstellen, aber das bedeutet nichts. Meine Frau sieht zum Beispiel fast genau so süß aus wie ein dsungarischer Zwerghamster und trotzdem habe ich einmal erlebt, wie sie sich mit einer noch kleineren Japanerin in einem Outlet-Store bei Florenz um eine Bluse beinahe gehauen hat. Die Asiatin gab im Verlauf der kurzen, aber für alle Anwesenden äußerst schauwertigen Vorstellung sehr merkwürdige Laute von sich. Am Ende hat Sara trotzdem gesiegt. Sie hat die Fellfarbe eines Hamsters aber das Herz einer Löwin, jedenfalls wenn es um Designerware geht.
Wir kauften jedenfalls zwei Käfige, zwei Wasserschälchen, zwei Höhlen, zwei Laufräder und eben zwei dieser kasachischen Steppenhamster, die von unseren Kindern am heiligen Abend erheblich begeisterter begrüßt wurden als die Niederkunft des Heilands. Nick entfernte umgehend das Jesuskind aus der Wiege in der Holzkrippe und legte den verstörten Hamster hinein der uns ansah, als seien wir nicht ganz bei Trost.
Carla schlug vor, ihren Hamster „Antonio“ zu nennen, wovon ich sie abbringen konnte, weil es sich um ein Weibchen handelt. Es trägt nun den Namen Steve. Das ist zwar auch nicht unbedingt ein Mädchenname, aber es ergibt wenigstens einen Sinn. Der Name war meine Idee, weil mich das Tier an Steve McQueen in dem Ausbrecherdrama „Papillon“ erinnert. Genau wie dieser scheint auch die Hamsterin Tag und Nacht nur an eines zu denken: Flucht. Von der ersten Sekunde an, begann sie, die Metallstäbe des Käfigs anzunagen. Sie hing sich an die Decke des Käfigs und hielt sich mit ihren Zähnchen an den Gitterstäben fest. Die rührende Vergeblichkeit ihres Tuns hielt sie keineswegs davon ab, mit der Nagerei aufzuhören. Wochenlang probierte sie es immer wieder, suchte sich ständig neue Stäbchen aus, inzwischen hat sie immerhin die schwarze Farbe des Metalls abgeknabbert.
Lilly hingegen verhielt sich ruhig, obwohl sie mit Nick einen entschieden anstrengenderen Zimmergenossen hatte. Unser Sohn baute einen Turnparcour in einer mit Stroh ausgelegten Kiste. Diese enthielt mehrere von ihm gebastelte Sportgeräte, unter anderem eine Wippe, die aus einer Brio-Bahn-Schiene und einem Prittstift bestand. Komischerweise wollte Lilly gar nicht drübergehen und setzte sich auf ein Ende, um abzuwarten. Nick drückte mit Schwung auf die andere Seite der Wippe und Lilly flog rekordverdächtige 20 Zentimeter in die Luft, landete danach sanft im Stroh und lehnte jede weitere Zusammenarbeit ab. Ein weiteres Experiment brach ich bereits im Stadium der Vorbereitung ab. Nick plante nämlich, Lilly durch die Badewanne schippern zu lassen, und zwar in seinem Lego-U-Boot..
Und dann war Lilly weg. Eines Morgens fanden wir den Käfig leer vor. Offenbar hatte Nick ihn nicht richtig geschlossen und Lilly war nachts ausgebüchst. Wir suchten sie überall, wir rückten Schränke ab, sahen hinter Gardinen und der Waschmaschine nach, aber Lilly hatte sich offenbar abgeseilt und war nach draußen gelangt, wo sie zweifellos erfroren war. Nick war außer sich vor Kummer. Also kaufte ich noch am selben Tag einen neuen dsungarischen Zwerghamster, wieder ein Weibchen. Es heißt Gimli und ist ein bisschen dick, weswegen Nick der Ansicht ist, dass ihr ein Sportprogramm sicher gut tun würde. Obwohl Gimli sich gut eingelebt hat, denke ich oft an Lilly. Wo mag sie sich wohl versteckt haben? Naja, vermutlich ist sie eingegangen. Doch selbst wenn sie tot ist: Wo mag sie wohl tot sein? Ich höre auf jedes Knacken und Knistern im Haus und bilde mir ständig ein, sie trippelte über den Dachboden.
Steve ist übrigens seit Lillys Ausbruch merkwürdig ruhig. Sie nagt nicht mehr an Gitterstäben, eigentlich bewegt sie sich kaum noch, benimmt sich auffallend unauffällig. Sie sitzt nur in ihrer Ecke, knabbert ihr Futter und sieht mich sinister an, wenn ich ins Zimmer komme. Ich denke, sie wartet auf Lilly, auf einen günstigen Augenblick. Eines Nachts wird Lilly kommen und den Käfig öffnen und dann verschwindet auch Steve. Wir müssen wachsam sein.