Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Cliff Barnes … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 15.02.2010

150_Automontage

Seit vorgestern bin ich offiziell alt. Da hat mich mein Sohn gefragt, ob er mein neues Auto haben könne, wenn ich tot sei. Er ist sieben Jahre alt, ich bin 42 und er fiebert meinem Ende entgegen. Ich hätte mir gewünscht, dass es noch eine Weile dauert, bis solche Themen an mich heran getragen werden, aber nun ist es eben passiert und ich muss damit leben, also habe ich geantwortet: „Der Wagen gehört Dir, mein Sohn.“
Wir haben das Auto zusammen abgeholt, direkt in der Fabrik. Das hat ihm gefallen. Da gab es ein Restaurant, in dem er so viel Eis essen durfte wie er wollte und einen Fahrsimulator, auf dem ihm anschließend übel wurde. Wir nahmen dann an einer Werksbesichtigung teil und sahen uns das Museum an. Es wimmelte nur so von nervösen Vätern und deren Söhnen. Viele waren an diesem Tag Hunderte von Kilometern gereist, hatten Nummernschilder und Abholscheine dabei und hechelten der Überreichung ihres neuen Familienautos entgegen. Nicht wenige bauen übrigens anschließend zwischen der Fabrik und der nahen Autobahn den ersten Unfall, weil Vati sich nicht aufs Fahren konzentriert, sondern an irgendwelchen Knöpfchen herumfummelt. Nach dem Werksrundgang präsentierte ein aufgeregter junger Mann das neue Kfz, als handele es sich um die Bundeslade. Es ist albern und schlimm, aber ich fühlte mich deshalb zum ersten Mal im Leben, als besäße ich etwas. Und mein Sohn fühlte sich offenbar wie jemand, der das bald erben wird.
Bis dahin war das kostbarste, was ich zu vererben gehabt hätte meine Plattensammlung. Ich habe sie meiner Tochter angeboten, aber sie interessiert sich nicht dafür. Schallplatten sind für sie wie Zinnsoldaten oder Briefmarken. Musik gleicht in ihren Augen Leitungswasser und hat keinen materiellen Wert. Das sehen viele Menschen heutzutage so und sie bezahlen deswegen nichts mehr für die Musik die sie hören, es sei denn, sie besuchen ein Konzert.
Das haben Sara und ich neulich auch mal wieder gemacht. Wir sahen uns Lang Lang an. Das war wirklich erstaunlich. Er spielte wie ein tasmanischer Teufel, sah gar nicht auf die Tasten, schloss zwischendurch die Augen und tobte, höchste Schwierigkeitsstufen absolvierend, konzentriert, aber ekstatisch über den Flügel. Angeblich hat Lang Lang als Zweijähriger einmal im chinesischen Fernsehen eine Episode von Tom und Jerry gesehen, in welcher der Kater Tom Klavier spielte und dies hat in ihm den Wunsch geweckt, das Instrument zu erlernen. Das ist interessant. Wenn mein Sohn Tom und Jerry sieht, inspiriert es ihn allenfalls dazu, als Messerwerfer aufzutreten.
Als wir durch die Autofabrik geführt wurden, habe ich an Lang Lang denken müssen, denn ich habe dort den Lang Lang der Automontage gesehen. Es handelte sich dabei um einen jungen Mann, der eine virtuose Performance mit einem Akkuschrauber bot. Die Autos schwebten über die Montagestrecke und der Bursche schwang sich in ein unfertiges, noch sitzloses Exemplar, um dann in Windeseile mehrere Schrauben in unzugänglichen Bereichen der Mittelkonsole unterzubringen. Er griff ohne hinzusehen die richtigen Schrauben und versenkte sie innerhalb von Zehntelsekunden, ohne erst die richtige Stelle suchen zu müssen. Sein Akkuschrauber wirkte wie eine Verlängerung seines Zeigefingers. Er hatte, so erklärte es der Mann, der die Führung leitete, nur ungefähr eine Minute Zeit, um ins Auto zu gelangen, alle Schrauben einzudrehen und wieder auszusteigen. Andernfalls geriete er seinem nachfolgenden Kollegen ins Gehege. Das ganze Montageband folgte einer perfekten, fast magisch anmutenden Choreografie.
Ich bewunderte den Werkzeugartisten nicht weniger als den chinesischen Pianisten. Man muss wohl konstatieren, dass Musik als käufliches Gut heute weniger wert ist als ein Auto, aber der Pianist wird dennoch weitaus höher geschätzt als jemand, der im Auto die Schrauben eindreht. Komische Welt.
Der Wert von Nicks zukünftigem Erbe wurde noch am selben Abend gemindert. Nach genau 129 absolvierten Kilometern fuhr ich in die Garage und kratzte mit dem rechten Radkasten am Garagentor vorbei. Tut mir leid, Sohn.