Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Bananenkrümmer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 22.02.2010

151_Fit für Podolski

Gestern gleich zwei große Momente beim Einkaufen erlebt. Da gehe ich also recht konzentriert durch die Obstabteilung und suche nach einer festen, aber auch nicht zu festen Mango, als mir eine Frau auffällt, die ihren Einkaufswagen mit dem Beharrungsvermögen einer chinesischen Rennrodlerin durch den Saal drückt. Dann bleibt sie zwischen mir und einem weißbekittelten Verkäufer mittleren Alters stehen und fragt ihn ohne Grußformel oder einer anderen Höflichkeitsbezeugung gerade heraus: „Wo sind denn bei Ihnen die Eier?“ Darauf er pfeilgerade: „Hinter den Nudeln natürlich, wo denn sonst?“
Komischerweise war ich der einzige, der lachte. Frau und Verkäufer hingegen befanden sich im Frau– und Verkäufermodus und waren auf Situationskomik nicht vorbereitet. Und das, obwohl gestern noch Karneval war. Der noch lustigere, oder anders formuliert: ein echt kölscher Augenblick folgte nach dem Bezahlen hinter der Kasse. Da stand nämlich im Eingangsbereich des Supermarktes Lukas Podolski. In Pappe, aber immerhin. Auf Hüfthöhe konnte man ihm einen Werbezettel mit einem Gewinnspiel entnehmen. Es gibt dabei keine zweiten oder dritten Preise, sondern nur einen einzigen hammermäßigen Giga-Hauptpreis, nämlich: einen „tollen Tag mit Lukas Podolski.“
Soso. Wer da wohl mitmacht? Und wie so ein Tag mit Lukas Podolski wohl aussieht? Die Gewinner (der Preis wird fünfzehn Mal verlost und gilt jeweils für zwei Personen) dürfen sich ab sechs Uhr morgens vor Podolskis Bett stellen und gemeinsam warten, bis er aufwacht. Dann assistieren sie ihm beim Zähneputzen und gehen mit ihm zur Massage. Anschließend gibt es Mittagessen im Geißbockheim. Nudeln. Oder Pasta. Wahrscheinlich sagt Lukas Podolski „Pasta.“ Das hat sich allerorten durchgesetzt, außer bei Supermarktverkäufern.
Nudeln sind ansonsten als Begriff weitgehend ausgestorben. Genau wie „Tätowierung“ und „Fahrschein.“ Tätowierungen haben nur noch alte Seemänner im Matrosen-Altenheim und Fahrscheine gibt es überhaupt nicht mehr, nur Tickets. Immerhin hat die Deutsche Bahn gerade mitgeteilt, dass sie ihre „Hotline“ in Zukunft lieber „Service-Nummer“ nennen möchte. Hotline war ihnen zu englisch und deutet ja genau genommen auf heiße Dienstleistungen hin, die mit dem Auftrag der Bahn rein gar nichts zu tun haben. Dieses Manko hat der Begriff „Service“ in „Service-Nummer“ in Bezug auf das Wirken der Bahn zwar auch, aber dafür klingt er wenigstens halbwegs amtlich.
Nach dem Essen dürfen die Gewinner das Auto von Lukas Podolski ansehen und wenn sie sympathisch sind, dürfen sie sich mal reinsetzen. Aber nichts anfassen. Dann gibt es noch Autogramme von Wolfgang Overath, weil der gerade über den Parkplatz kommt. Wolfgang Overath sieht inzwischen aus wie Osolemirnix aus dem Comicheft „Asterix auf Korsika.“
So. Und was muss man nun machen, um in den Genuss eines tollen Tages mit Lukas Podolski zu gelangen? Das ist nicht ohne, dafür muss man schon ein Rätselfuchs sein, besser noch ein Rätselfex: Es ist nämlich ein anspruchsvoller Lückentext auszufüllen, fünf Buchstaben fehlen gemeinerweise: „Rewe macht dich fit für 2010 mit L_ka_ P_do_sk_.“ Eine brettharte Nuss, aber die Antwort ist dennoch zu schaffen, auch wenn der Satz zunächst hochgradig enigmatisch erscheint. Mal sehen. Das erste Wort geht noch, da kommt „Lokal“ raus. Aber das zweite. „Pudomske.“ Hm. „Lokal Pudomske.“ Was das wohl bedeuten mag? „Lokalrunde“ hätte ich ja verstanden. Oder „Lokalmatador“ oder „Lokalanästhesist.“ Letzteres hätte zumindest etwas mit Podolskis Fußballspiel der letzten Monate zu tun. Aber „Lokal Podomske?“
Überhaupt, der ganze Satz klingt schon sehr holprig. Die machen einen also fit für 2010. Muss man denn für 2010 fit sein? Und was geschieht, wenn man eben nicht fit ist für 2010? Und warum läuft das Gewinnspiel jetzt, wo doch 2010 schon längst angefangen hat? Vermutlich kann den Satz überhaupt nur begreifen, wer weiß, was ein Lokal Podomske ist.
Ich trage das jetzt erst einmal so ein. Und dann rufe ich bei der „Service-Nummer“ der Bahn an. Die kennen sich ja offenbar mit Fremdwörtern aus.