Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Unterwäschemodel … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 01.03.2010

152_Das Weinangebot

Muss man jede Mail beantworten? Ich finde nicht. Nur weil der technische Fortschritt ein seuchenartiges Mitteilungsbedürfnis der Menschheit via E-mail erzeugt hat, muss man noch lange nicht auf alles reagieren. Ich erhalte zum Beispiel sehr regelmäßig Post von virtuellen Geschöpfen wie Mister Nicolas Roy aus Afrika, der mir mitteilt, dass ich eine Million Dollar gewonnen habe oder Mister J.M. Chan aus China, dessen Brief ich nicht verstanden habe. Mein E-Mail-Programm unterlegt derlei Briefe warnend in grauer Farbe. Man fährt gut damit, diese Post ungelesen zu löschen. Es ist eine Art Menschenrecht und entspricht dem Verfahren, den Telefonhörer liegen lassen, wenn man keine Lust auf einen Anruf hat. Der Unterschied zwischen einem unbeantworteten Anruf und einer unbeantworteten E-Mail besteht allerdings darin, dass der Verfasser einer E-Mail in der Regel davon ausgehen kann, dass seine Nachricht angekommen ist und vielleicht auch gelesen wurde. Und deshalb wirkt es unhöflich, nicht zu reagieren. Mache ich trotzdem manchmal.
Doch dann schrieb mir eines Tages Herr B. und er schrieb sehr freundlich. Er schätze meine Arbeit, würde sich freuen, wenn ich mal in seiner Nähe aufträte und noch mehr freue er sich darüber, dass ich bei ihm sehr günstig Wein aus Rheinhessen bestellen könne. Im Anhang befand sich eine Preisliste. Ich möge mich doch bitte umgehend melden, schrieb Herr B., schon um mir die eine oder andere Preziose sichern zu können. Ich löschte die Mail. Nichts gegen Herrn B., aber ich brauche keinen Wein aus Rheinhessen, auch nicht günstig. Ich betrachtete seine Post als Werbung und die Sache war für mich erledigt.
Für Herrn B. galt dies keineswegs. Er entpuppte sich als Weinstalker und schrieb dann pro Woche zwei gefühlige Briefe. Dass ich mich nicht rühre, habe wohl damit zu tun, dass er nicht genug über seinen Wein erzählt habe. Das holte er ausführlich nach, schickte Fotos – auch von sich in Gummistiefeln und mit seinem Hund – und vergaß niemals, darauf hinzuweisen, wie sehr er mich schätze.
Ich antwortete nicht. Hat mir mal jemand empfohlen. Nicht auf Stalker eingehen. Sie geben irgendwann enttäuscht auf und verlegen sich auf andere Opfer. Nicht so Herr B. Er schrieb dann, es sei doch jammerschade, dass ich mich gar nicht melde. Dabei könne er sich so gut vorstellen, dass ich hervorragend zu seinem Weißwein passen würde. Das klang furchteinflößend nach Kannibalismus. Ich löschte die Mails nicht mehr, aus Angst.
Herr B. schrieb und schrieb, zwischendurch auch wieder über Wein. Wunderbarer Wein, hochdekoriert und zu sehr fairen Preisen. Er könne bei einer Mindestabnahme von acht Kisten à zwölf Flaschen aber selbst daran noch daran drehen, im Namen unserer Bekanntschaft. Es sei ihm eine Ehre.
Ich habe dann doch geantwortet. „Lieber Herr B., haben Sie vielen Dank für Ihre sicher guten Angebote. Ich freue mich darüber, dass Sie meine Arbeit mögen und weiß Ihr Engagement zu schätzen. Dennoch muss ich Ihnen mitteilen, dass ich absolut kein Interesse an Ihrem Wein habe. Nehmen Sie dies bitte nicht persönlich. Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Freude an Ihrem Wein und verbleibe undsoweiter undsoweiter.“ Sehr höflich, aber bestimmt. Absolut kein Interesse. Ich habe dann nichts mehr von Herrn B. gehört.
Bis eben. Da kam ich nach Hause und checkte meine Mails. Darunter eine von Herrn B. mit dem Betreff „schade!“ Ich öffnete sie widerwillig, aber in der Hoffnung, dass er mir nun final aus Rheinhessen zuwinken würde, um sich dann für immer ins digitale Nirvana zu verabschieden. Herr B. schrieb: „Sehr geehrter Herr Weiler, das ist natürlich sehr bedauerlich, dass Sie unseren Wein so gar nicht probieren mögen. Da habe ich sie wohl ganz falsch eingeschätzt. Ich freue mich aber umso mehr, dass ich Ihnen nun, wo wir so angenehm in Kontakt getreten sind, unsere Marmeladen vorstellen kann. Alles bio, besonders unsere Kirschkonfitüre könnte ich mir sehr gut bei Ihnen vorstellen. Anbei eine Preisliste, Mengenrabatt ist natürlich unter uns beiden eine ausgemachte Sache. Ich freue mich natürlich, bald wieder von Ihnen zu hören. In herzlicher Verbundenheit, Ihr Waldemar B.“