Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Cliff Barnes … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 15.03.2010

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Statistisch betrachtet besitzt jeder Deutsche ungefähr sieben Gegenstände, die von Ikea stammen. Schätze ich jetzt mal und greife wahrscheinlich viel zu tief. Bei 82 Millionen Deutschen wären das ja nur 574000000 Fräck-Spiegel, Pax-Schranktüren und Boholmen-Einbauspülen. Unser Land ist jedenfalls flächendeckend ikeaisiert. Inzwischen sind sogar Häuser der Marke im Angebot und bald auch Ehepartner, damit niemand alleine zwischen Bjursta (Tisch) und Malm (Bett) leben muss. Das weibliche Partner-Modell „Fru Holle“ ist blond und wenn man es falsch zusammengebaut hat, kann man es wieder zurückgeben. Selbst wenn ein paar Schrauben fehlen.
Manchmal habe ich den Eindruck, unser Sohn Nick ist ebenfalls ein Produkt von Ikea, eines mit Heimweh, denn er möchte immer wieder dorthin zurück. Ich kann mich zwar nicht erinnern, ihn vor siebeneinhalb Jahren in brauner Pappe verpackt aus einem Hochregal und über einen Warenscanner gezerrt zu haben, aber ihm gefällt die Vorstellung, ein schwedischer Pinocchio zu sein. Er will ständig zu Ikea und manchmal tun wir ihm den Gefallen und fahren hin.
Dabei möchte er genau genommen nicht zu Ikea, sondern ins Småland, so heißt die Kinderaufbewahrungsstelle bei Ikea. Alle Kinder lieben Småland. Und deren Eltern auch. Ich habe schon von Leuten gehört, die ihre Kids dort vormittags hinbringen, danach ein paar Stündchen ins Museum fahren oder Einkäufe in der Stadt besorgen, um auf dem Heimweg ihre zerspielten Nachkommen einzusammeln. Machen wir natürlich nicht. Wir bleiben hübsch im Möbelhaus, während Nick eine Gang gründet und die Angestellten in die Frührente treibt.
Nachdem wir ihn neulich am Småland-Eingang, einem für Kinder begehbaren riesigen Blaubeerkorb, abgegeben hatten, zogen wir zunächst ins Restaurant. Dann stromerten wir durch die Küchenabteilung und zogen alibimäßig ein paar Schubladen auf. Da war eine halbe Stunde rum. Wir baten einen Kundenberater, eine 12 Meter lange Küchenzeile für uns zu konfigurieren, was unter den missbilligenden Blicken wartender Kunden mit Kaufabsicht noch mal etwa zwanzig Minuten dauerte. Dann lagen wir eine Weile Probe und sahen uns bei den Topfpflanzen um. Eine gute Stunde war bis hierhin vergangen. Wir blätterten gerade in den Bilderrahmen, als aus dem Lautsprecher eine weibliche Stimme kam: „Der kleine Nick möchte bitte NICHT aus Småland abgeholt werden.“ Er rechnete offenbar mit uns. Wir durchliefen noch sämtliche Regalstraßen und gingen dann mit zwei Tüten Teelichtern zur Kasse, damit wir nicht umsonst hergekommen waren. Anschließend aß ich einen Hotdog, dann brachen wir auf Richtung Småland.
„Wir hätten gerne unseren Sohn zurück,“ sagte ich und legte meinen Ausweis vor.
„Der will hier bleiben,“ sagte die müde Frau hinter dem Tresen. „Aber ich nicht,“ sagte ich und durchbrach die Schranke, quetschte mich durch den Blaubeerkorb und machte mich auf die Suche nach meinem Sohn. Ich hörte ihn aus dem Plastikballbecken quietschen. Als ich hinkam, schaute nicht mehr heraus als ein bestrumpfter Fuß. Ich rief: „So mein Freund, jetzt hab’ ich Dich“ und zog daran, worauf sowohl der Fuß als auch das daran hängende Bein sich wie eine Anaconda wanden. Ich zog stärker, fiel ins Ballbecken, kämpfte mit tausenden von Plastikkugeln und meinem tobenden Kind und zog schließlich einen Sohn mit schwarzen Haaren aus dem Becken, der obenrum überhaupt nicht aussah wie meiner.
„Lassen Sie sofort Casimir-Merlin los, Sie Schwein“ hörte ich eine Frauenstimme brüllen. „Hiiilfe, da will jemand meinen Casimir-Merlin entführen.“
Ich ließ Casimir-Merlin ins Becken zurückplumpsen und beteuerte meine Unschuld, aber die Mutter – Kötbullar in der einen Hand, Vorhangstoff in der anderen – zeterte weiter. Nach einer guten Stunde hatten wir die Sache begradigt, denn da tauchte Nick auf, der sich die ganze Zeit in einem überdimensionierten Holzschuh versteckt hatte. Er bekam dann noch ein Softeis und wir fuhren nach Hause. Als ich die Jacke auszog, fiel etwas auf den Boden. Ein kleiner roter Plastikball. Der gehört nach Småland. Wir müssen ihn zurückbringen. Morgen.