Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Nachbar … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 22.03.2010

155_Schimpfen

Manchmal fühle ich mich furchtbar einsam in meiner Ehe, so als einziger Mann. Frauen sind nämlich dazu in der Lage, ihre weiblichen Eigenschaften sehr gut in einer Lebensgemeinschaft unterzubringen, sie müssen eigentlich kaum jemals unangebrachte Gewohnheiten unterdrücken oder heimlich austoben. Sie neigen zum Beispiel eher nicht dazu, im Auto rumzubrüllen, was ich zumindest früher gerne und häufig tat, sobald mir jemand die Vorfahrt nahm oder zu langsam oder zu schnell oder zu wenig vorausschauend oder nicht elegant genug fuhr. Ich reagierte darauf mit heftigem Unflat, den Sara in den ersten Jahren unserer Beziehung wegen der Kapitän-Haddock-artigen Originalität meiner Schimpftiraden noch lustig fand. Aber dann kamen die Kinder und die krümelten nicht nur die Rücksitze voll, sie lernten auch die Vokabeln, die ich vorne gebrauchte. So ist das nun einmal mit dem Spracherwerb. Wer möchte, dass die Kinder klingen wie Little Lord Fauntleroy, der muss selber so sprechen. Und nicht wie ich, denn ich beherzige den Grundsatz, wie ein Philosoph zu denken und wie ein Bauer zu reden.
Und so kam es, dass ich eines Tages meine damals dreijährige Tochter aus dem Kindersitz schälte und diese selig lächelnd sagte: „Mach ma’ hinne, Du Tempeltänzer.“ Dies hatte ich wenige Momente zuvor selber in anderem Zusammenhang geäußert und in meine Freude über die ungeheuerliche Gelehrsamkeit meines Kindes mischte sich die Erkenntnis, dass der Rücksitz Ohren hat.
Nach einem relativ unangenehmen Vorfall im Kindergarten bat mich Sara, zurückhaltender mit dem Unvermögen aller anderen Verkehrsteilnehmer umzugehen, sie drückte es aber anders aus. Sie sagte: „Würdest Du bitte damit aufhören, andere Autofahrer bei jeder Gelegenheit „ungebumstes Frattengesicht“ zu nennen?“ Diesem Verbot vorausgegangen war ein Gespräch mit der Kindergärtnerin. Diese hatte Sara gefragt, woher Nick eigentlich diese Ausdrücke hätte, zum Beispiel auch Hackfresse, Arschkrampe, Heckenpenner. Sara war schockiert und wurde erst rot und dann wütend, und zwar auf mich. Sie habe keine Lust, schief als Prekariatsangehörige angesehen zu werden. Es sei peinlich und unnötig. Und sie hat ja auch Recht. Ich habe mir daher seit einigen Jahren angewöhnt, nur noch nette Dinge über fremde Verkehrsteilnehmer zu sagen.
„Ich würde mich freuen, wenn Sie die Abbiegespur nähmen, liebe sehr verehrte gnädige Frau,“ sage ich zum Beispiel. Oder: „Es wäre nun angezeigt, nach rechts zu wechseln, um mir den Überholvorgang zu ermöglichen, oh Du Gebieter über den ockerfarbenen Passat.“ Oder: „Es ist fein, wie viel Zeit Sie sich zum Ausparken nehmen, wer nimmt sich heute schon noch Zeit? Sie funkelnder Diamant in der Kiesgrube des Individualverkehrs.“ Ich finde, dagegen kann man nicht ernsthaft etwas haben, oder? Und es trägt Früchte. Ich bin stolz darauf, dass meine Kinder seit Jahren nicht mehr wüst fluchen und im Gegenteil nach immer neuen prosaischen Beschreibungen ihrer Mitmenschen suchen.
Nur manchmal vergesse ich mich noch, wenn wir mit den Kindern unterwegs sind. Oder ich nehme fälschlich an, dass sie außerhalb der akustischen Kopfhörerwolken, mit denen sie sich einnebeln, sowieso nichts mitkriegen. Das ist natürlich nicht wahr. Ich habe meinen Sohn im Verdacht, gar keine Musik zu hören, sondern uns zu belauschen.
Vor einiger Zeit bekamen wir nämlich Besuch von einem Mann, den ich kaum kenne. Der will etwas Berufliches von mir, worauf ich keine Lust habe und darüber unterhielt ich mich mit Sara im Auto.
Abends klingelte es und Nick öffnete die Tür. Ich hörte, wie der Mann sich vorstellte und sagte, er sei der Robert und habe eine Verabredung mit dem Papa. Nick bat ihn herein und sagte: „Ich weiß schon, Sie sind der Vollpfosten, der meinem Papa dauernd Mails schreibt, die der gar nicht so schnell löschen kann wie sie ankommen.“
Der Mann lachte. Später sagte ich ihm vor Scham bebend meine Zusammenarbeit bei seinem Projekt zu. Seitdem schweige ich auf Autofahrten. Meistens.