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Mein Leben als Mensch — Verfasst am 29.03.2010

156_Sehnsucht, die wie Feuer brennt

Für die nächsten Monate habe ich mir vorgenommen, in loser Folge über Dinge zu berichten, die ich zum allerersten Mal mache. Obwohl ich bereits 42 Jahre alt bin, ist nämlich noch einiges zu erledigen, ich lebe mit erheblichen Erlebnisdefiziten, war zum Beispiel noch nie auf einer Sonnenbank, habe noch nie eine Fliege getragen – und noch nie in meinem ganzen Leben eine Volksmusiksendung im Fernsehen angeschaut. Bis letzten Samstag. Da kam „Das Frühlingsfest der Volksmusik“ und ich habe es für Sie und für mich selbst komplett angesehen. Millionen Leute machen das, ich kenne niemanden davon. Aber ich kenne auch niemanden, der Schweinskopfsülze isst. Wahrscheinlich sind das dieselben Menschen. Egal.
Die Sendung wird moderiert vom früh vergreist wirkenden Florian Silbereisen (angeblich erst 28), der gleich zu Beginn sein ganzes Witzpulver verschießt: „Der Winter, der war lang und harsch, jetzt treten wir ihm in den Hintern.“ Da lacht ganz Riesa.
In der Folge treten mehr oder weniger gut abgehangene Schlagerchargen auf und singen zu billig gebasteltem Ballermannsound über diverse Sehnsüchte und Zärtlichkeit und Augen. Auch Kinder gehören zum Programm. Sie werden als Häschen oder Küken oder Schmetterlinge verkleidet durch die Studiodekoration getrieben und wenn das jetzt eine Veranstaltung der katholischen Kirche wäre, würde es großen Ärger geben, weil das menschenunwürdig ist. Es ist aber eine Sendung des Mitteldeutschen Rundfunks und daher tritt ein überdrehter minderjähriger Knirps mit Akkordeon auf, der ein scheußliches Lied übers Küssen vorträgt, danach 35 Opfer aus dem Saalpublikum abknutscht und noch jemanden grüßen will, doch da dreht ihm die Regie unter Altmeister Pit Weyrich klugerweise den Ton ab. Es folgt Stefanie Hertel, die vom volkstümlichen Schlager zum normalen Schlager umgesattelt hat und nicht unsympathisch wirkt, obwohl sie mit dem Trompetendödel Stefan Mross verheiratet ist. Bis hierhin ist die Sendung von einer deprimierenden Schlaffheit, die gar nicht zur quietschbunten Ausstattung passen will. Doch nun bekommt das Grauen ein Gesicht. Eigentlich bekommt es gleich zwei, denn jetzt singen „Die Amigos.“ Die sehen aus wie unfallflüchtige Busfahrer, haben aber von ihrem letzten Album zwei Millionen Stück verkauft. An wen bloß? Ich habe noch nie von denen gehört. Die ganze Szene des volkstümlichen Schlagers entpuppt sich bei ihrem Auftritt als riesengroße Subkultur der Sentimentalität: „Sehnsucht die wie Feuer brennt, und nur einen Namen kennt, dann weiß ich, Du fehlst mir so, denn mein Herz brennt lichterloh.“ Man wünscht sich kurzfristig, dass sich einer der monumentalen Blütenkelche auf der Bühne erbarmt und die beiden Amigos mit einem großen Haps verschlingt. Passiert aber nicht.
Stattdessen tauchen die Kastelruther Spatzen auf, die ein millionenschweres Bauernschmalzimperium aufgezogen haben und ein schamlos gereimtes Lied über einen toten Jungen darbieten: „Jonas war ein Junge und er war erst sieben, alle Menschen rund um ihn, konnten ihn nur lieben.“ Ein Glück war er sieben und nicht acht, denn darauf reimt sich „ausgelacht.“ Und wenn er fünf gewesen wäre, gäbe es das Lied gar nicht, denn darauf reimt sich überhaupt nichts. Nach der kurzen, aber angemessen betroffen machenden Nummer meldet sich Pfarrer Brei zum Gesang und wird von Michael Hirte an der Mundharmonika begleitet.
Hirte muss dann sehr stark sein, denn Silbereisen hat eine Überraschung für ihn, auch wenn Hirte darüber nicht sehr überrascht zu sein scheint. Mit eher entsetzter Miene nimmt er zur Kenntnis, dass er mit der neuen Elbphilharmonie Riesa „Time to say goodbye“ spielen soll. Zum Glück für ihn und mich findet dies aber erst am Ende der Sendung statt.
Zuvor will noch allerhand durchgestanden sein, zum Beispiel der Auftritt der „Original Zillertaler Hey Mann! Band,“ die eine morsche Brücke zwischen der Ästhetik des Heavy Metal und ödem Volksmusikgemumpfe errichtet hat, über die sich der inzwischen mit einem Akkordeon bewehrte Silbereisen wagt und tollkühn sein Haar zum Zillertaler Hochzeitsmarsch schüttelt. Da ist erst eine Stunde rum und meine Finger tasten fiebrig über die Fernbedienung, ständig bereit, den Kanal zu wechseln. Aber ich habe es mir vorgenommen! Ich muss da durch! Weiter!
Mary Roos beklagt sich darüber, dass ihr Sohn ausgezogen ist, wobei der Grund für dessen Flucht im Dunkeln bleibt. Vier weiß gekleidete Eintänzer mit dem Bandnamen „Die Capuccinos“ schwurbeln „auch wenn ich kein König bin, will ich Dich zur Königin.“ Dudel dudel, holper holper, eier eier. Schlagerstar Michelle wird als traurige Verliererin präsentiert, die sich wieder mal den falschen Mann geangelt hat und in Trennung lebt. Wie immer nur Pech mit den Männern. Das kennen die Damen aus der Zielgruppe. Weil sie gerne die „Neue Post“ lesen und diese die Sendung präsentiert, wird von Silbereisen noch ein bisschen bei Michelle nachgebohrt und die gibt bereitwillig preis, wie einsam und unglücklich sie momentan sei. Dann döse ich während des Fernsehballetts des Mitteldeutschen Rundfunks kurzfristig ein und verpasse auch den Song von Brunner und Brunner zur Hälfte. Im anschließenden Interview versprechen die beiden haarigen Herren, ihre Karriere am 16. Oktober dieses Jahres zu beenden. Das gibt mir Kraft für die letzten 45 Minuten der Sendung.
Es treten nun auf: Karel Gott und DJ Ötzi. Das ist ein österreichischer Bierzelt-Matador, dessen Fontanelle nur von einer als Mütze getarnten Gipskartonage zusammen gehalten wird und der deswegen immer irgendwie frisch operiert, aber eben auch hirngeschädigt aussieht.
Das Publikum, die so genannte schweigende Mehrheit des deutschen Volkes steht nun auf, klatscht und brüllt. Hoffentlich sehen dies die Außerirdischen nicht, draußen im Weltall. Die Aliens könnten sonst glauben, dass die Erdbevölkerung nur aus durchdrehenden Sachsen in bunten Pullovern besteht – und den ganzen Planeten vor Schreck in die Luft jagen.
Apropos in die Luft jagen: Nun wird eine junge Frau in eine Kanone gesteckt und sagenhafte 25,87 Meter durch die Halle geschossen. Schade. Mich hätten die ballistischen Eigenschaften von Karel Gott viel mehr interessiert.
Die Bude wackelt, das Blut kocht, Hansi Hinterseer kommt, das Bolzenschussgerät der deutschen Seele! Beim Anblick seiner Frisur bekommt der Begriff Alpenföhn eine völlig neue Dimension. Er steigert die Doofheit der bisher vorgetragenen Liedtexte ins unüberbietbare: „Viva, Oh viva Tirol, Lederhosen, Dirndl, Hände an den Po!“ Soso. Das kommt dermaßen gut an, dass er es gleich zwei Mal singen muss.
Dann folgen die Höhner und noch einmal der deprimierte Hirte mit seiner Mundharmonika. Silbereisen fährt mit einem Monstertruck über drei Autos, in denen weder die Amigos, noch Brunner und Brunner sitzen und endlich ist nach zweieinhalb Stunden Feierabend. Uff. Geschafft. Silbereisen ruft: „Ich hoffe, wir haben mit dieser Show den Winter endlich vertrieben.“ Und ich antworte matt: „Nicht nur den Winter, Florian, nicht nur den Winter.“
Fazit dieses Experimentes: Die Sendung sorgt durchaus für eine unheimliche Konträrfaszination, ähnlich wie ein schwerer Verkehrsunfall. Man kann einfach nicht weggucken. In diesem Fall haben sechseinhalb Millionen Deutsche nicht weggeguckt. Gerne nehme ich übrigens den Vorwurf der Intoleranz entgegen. Ja, ich bin intolerant. Aber ich habe für diesen infantilen Quatsch schließlich auch bezahlt. Ich darf das.