Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Unterwäschemodel … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 05.04.2010

157_Der Leihhase

Es wird immer schwerer, die Kinder von der Existenz des Osterhasen zu überzeugen. Carla glaubt nur noch mir zuliebe an ihn und bei Nick regen sich ernsthafte Zweifel. Das hat keine biologischen Gründe. Nick hält es nach wie vor für absolut möglich, dass Hasen bunte Eier legen. Er glaubt allerdings nicht, dass sie so doof sind, sie anschließend für ihn zu verstecken. Würde er jedenfalls andersrum nicht machen. Nick hat noch keine rechte Beziehung zum kategorischen Imperativ.
Erschwerend hinzu kommt der Umstand, dass mich meine Kinder vor zwei Jahren beim Verstecken erwischt haben und ich beim besten Willen nicht als Osterhase durchgehe. Als Osterkalb vielleicht, aber nicht als Hase. Damals hatte ich verschlafen und hastete durch den Garten, als die Kinder längst wach waren. Obwohl Sara sie ablenkte, stürmten sie zum Fenster, um zu gucken, warum der Osterhase so brüllte, aber das war ich. Mir war beim Eierverstecken ein Vogelhaus auf den Kopf gefallen.
Letztes Jahr wollte ich alles besser machen. Ich überlegte mir, dass die Existenz des Osterhasen am besten dadurch bewiesen werden konnte, dass ich die Eier nicht versteckte. Und wenn ich es nicht war, wer konnte es dann sonst gewesen sein? Niemand als der Osterhase. Logisch. Also engagierte ich einen Auftragshasen. Meinen Schwiegervater Antonio. Der zeigte sich am Telefon begeistert, auch wenn ihm die Bräuche unseres Landes nach wie vor nicht recht vertraut sind. Er verwechselt zum Beispiel Fasching und Sylvester. Jedenfalls sieht er an Sylvester so aus. Egal. Er sagte: „Okay maki der Has. Was solli tun?“
„Du kommst morgens gegen halb sieben vorbei und versteckst alles, was Du hinter der Mülltonne findest.“
„Okay, keine Probleme. Binida und maki gern.“
Abends lud ich hinter der Mülltonne ab, was Antonio verstecken sollte: Schokohasen, gekochte Eier, Süßigkeiten in Osternestern, dazu zwei Bücher und zwei CDs. Am nächsten Morgen um acht Uhr standen meine Kinder am Fenster und scannten den Garten, aber es war nichts zu sehen. Carla weckte mich: „Los geh raus und versteck die Sachen, damit wir sie suchen können.“ Ich antwortete, dass ich nicht der Osterhase und dass dieser sicher schon da gewesen sei. Wir standen auf und ich ging mit meinem fiebrigen Sohn und seiner abgeklärten Schwester in den Garten. Ich hatte in früheren Jahren die Gaben immer an denselben Ecken schlampig verborgen, dort hatte es gefunkelt und die Kinder waren ausgerastet. Diesmal strich mein Sohn planlos durch Beete und Sträucher, fand aber nur ein gekochtes Ei und ein Buch, und das war für Carla. Diese entdeckte zwar einen Schokohasen und eine verrostete Grillzange, nicht jedoch die versprochenen Süßwaren. Sara und ich suchten mit. Wir suchten systematisch und mit zunehmender Verzweiflung. Nach einer Stunde rief ich Antonio an: „Wo ist das ganze Zeug, das ich hinter der Mülltonne deponiert habe?“
„Habi guuuut versteckte. Musste Du suchen.“
Er hatte seinen Auftrag dahingehend verstanden, dass man die Sachen nicht ein wenig verbergen, sondern für immer dem Zugriff des Finanzamtes, böswilliger Nachbarn und anderer Feinde sowie Kindern und deren Eltern entziehen muss. Seitdem ist bei uns das ganze Jahr über Ostern, denn immer wieder mal taucht etwas auf. Eier in der Regenrinne, Schokolade zwischen Kaminhölzern, unter der Erde, im Rasenmäherbenzinkanister. Und immer gibt es ein großes Hallo.
Anfang Dezember habe ich dann auch meine Harke gefunden. Ich hätte sie im Oktober gebraucht, als die Blätter von den Bäumen fielen. Aber sie war nirgends aufzutreiben gewesen. Eines Tages fiel Nick auf, dass etwas ganz oben in der kahlen Linde festsaß. Ich identifizierte meine Harke. Und dann fiel mir ein, dass die Harke immer hinter der Mülltonne gestanden hatte, bevor sie verschwunden war. „Wie ist die denn da oben hingekommen?“ fragte Nick. Ich antwortete wahrheitsgemäß: „Das war der Osterhase, mein Sohn. Das war der Osterhase.“ Nick war extrem beeindruckt.