Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Wurstwasser … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 12.04.2010

158_Speisewagen

Der größte Nörgler der Welt sitzt mir im Speisewagen gegenüber und unterhält sich mit einem willfährig nickenden Opfer. Dem GröNö gefällt nichts, aber auch gar nichts: “Früher haben sie noch in den Münchner Kammerspielen was aufgezeichnet und im Fernsehen gesendet. Aber das gibt es nicht mehr. Wobei: Das wäre ja inzwischen auch schrecklich.“ Der andere nickt.
Dann sieht er kurz aus dem Fenster. „Früher war hier alles Feld und Wald. Da haben wir gespielt und Drachen steigen lassen. Und heute: Kein Wald mehr, kein Feld, keine Drachen. Die Kinder lassen sowieso keine Drachen mehr steigen. Die sitzen ja alle nur vor dem Fernseher.“ Sein Opfer nickt wieder. Aber stimmt das eigentlich? Lassen Kinder keine Drachen mehr steigen? Der Schaffner kommt vorbei und kontrolliert die Karten. „Die Schaffner sind alle nur noch bessere Kellner, keine Respektspersonen mehr. Da hat man gar keinen Spaß mehr an der Bahnfahrt. Früher haben wir uns vor denen gefürchtet.“ Nicknicknick. Ist es gut, wenn man sich fürchtet? Ich mag es, dass die Schaffner von heute verkleidete Menschen sind und nicht wilhelminische Schreihälse mit Zwirbelschnurrbart.
Woher kommt nur diese Sehnsucht nach dem „Früher?“ Womöglich daher, dass einem das „Morgen“ inzwischen so eine Angst macht. In meiner Kindheit bestand die Zukunft nur aus quietschbunten Utopien, wundervollen Erfindungen und Atomkraft. Inzwischen verheißt die Zukunft wenig mehr als Rentenlöcher, Umweltkatastrophen und komischerweise wieder Atomkraft. Da kann man den Nörgler fast schon wieder verstehen.
Neulich unterhielt ich mich mit einer gebildeten Dame über Angela Merkel. Sie sagte, dass die Bundeskanzlerin ihr angst mache, weil sie als in der DDR aufgewachsene Physikerin so pragmatisch und unsentimental sei. Wenn etwas vergehe, das Urheberrecht zum Beispiel, dann böte sich dadurch eine Chance für etwas Neues, das sei die pragmatische und Furcht einflößende Haltung der Bundeskanzlerin. Nichts als Angst überall. Dabei lässt sich doch immer noch Vergnügen aus dem Leben ziehen, wenn man will.
Die deutsche Sprache ist doch zum Beispiel sehr komisch. Ich kenne eine Amerikanerin, die sich bei jeder Reise über eine deutsche Autobahn über den für Englischsprachige zauberhaften Begriff „Ausfahrt“ beömmelt. Die Vorstellung, dass die Autos beim Verlassen der Autobahn gleichsam aus ihr herausgepupst werden, stimmt doch heiter.
Zudem habe ich ein neues Lieblingsekelwort entdeckt. Die Metzgerin hat es mit einem Bon an meine Papiertüte getackert. Auf dem Bon stand, dass sich in der Tüte 200 Gramm „Schabefleisch“ befänden. Igitt. Schabefleisch. Klingt wie „Schabenfleisch“ oder „Ausschabungsfleisch.“ Gegessen habe ich es aber trotzdem, denn bei mir heißt es „Tartar“ und das klingt köstlich.
Und was die Zukunft betrifft, so ist übrigens die eine oder andere Utopie gerade dabei, auf dem Boden der Tatsachen zu landen. Eine baldige Besiedelung des Mars, die mir als Kind noch in Aussicht gestellt wurde, wird wohl in Bälde nicht stattfinden. Das hat mir eine Wissenschaftlerin erzählt. Sie forscht auf dem Gebiet der Zellbiologie und untersucht die Wirkung von Mars- und Mondstaub auf organische Zellen. Diese sterben bei der Berührung mit kosmischen Stäuben ab, im Moment jedenfalls. Wir werden also kaum demnächst auf fremden Planeten Sandburgen bauen.
Aber die Wissenschaftlerin machte mir auch Mut. Sie erzählte mir nämlich, wie hoch das Gewicht aller Bakterien in und am menschlichen Körper ist. Und das ist wirklich erstaunlich. Ein Erwachsener schleppt ständig 4 Kilo Bakterien mit sich herum. Wenn man also wie ich vorhat, sechs Kilo abzunehmen, dann kann man es bei zweien bewenden lassen, denn vier Kilo des Übergewichtes bestehen ja aus Bakterien und die wird man sowieso nicht los. Hurra, es ist noch Hoffnung. Vielleicht hätte ich das dem Mann im Speisewagen sagen sollen. Aber wahrscheinlich hätte ihm das auch nicht gefallen.