Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Beinscheibe … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 19.04.2010

159_Regeln

Wer spielt, muss sich an Regeln halten. Ist doch klar. Außer für meinen Sohn. Sobald er sich auf der Verliererstraße sieht, fängt er an, Spielmodi zu ändern. Damit hat er bereits dreijährig begonnen, nämlich bei dem Kartenspiel „Uno.“ Anstatt seine Mitspieler einfach schamlos zu behumpsen wie sein Großvater forderte Nick vehement, die Kartensymbole neu zu interpretieren. Er fand, „einmal aussetzen“ gelte durchaus, allerdings nicht für ihn. Ebenso fand er an anderer Stelle, dass derjenige, der am Schluss den „Schwarzen Peter“ in der Hand hält, gewonnen habe. Jedenfalls, wenn er den „Schwarzen Peter“ in den Händen hielt.
Nick war es auch, der bei „Mensch ärgere Dich nicht“ die abenteuerliche Regel einführte, auch rückwärts rausschmeißen zu dürfen, was zu einem enormen Gemetzel und einer Spieldauer von über zwei Stunden führte, sowie zu einem von ihm bitter beklagten Triumph meinerseits und allerlei Zank und Geheul.
Dies ist auch bei „Scrabble“ abzusehen, wenn tatsächlich eingeführt wird, was bisher nur für eine Kinderversion des Spiels in der Diskussion ist und Puristen bereits jetzt zum Schäumen bringt. Den verbrecherischen Plänen des Spieleherstellers zufolge soll es bald möglich sein, bisher verpönte Städte–, Eigen– und sogar Markennamen zu legen. Und da heutzutage im Gegensatz zu früheren Zeiten sowohl das „X“, als auch das „Y“ oft verwendet wird, droht eine veritable Scrabble-Revolution. Ein bisher unmögliches Wort wie „XBox“ bringt (unter Zuhilfenahme eines Blankosteines und an der richtigen Stelle abgelegt) mal eben 42 Punkte. „Lady Gaga“ kommt schon ohne Verdoppelung oder Verdreifachung auf 20 Punkte, während die olle und bereits nach altem Reglement legal legbare „Madonna“ gerade mal die Hälfte schafft. Ein Glück, dass Nick mit Srabble noch nichts am Hut hat. Aber mit Fußball.
Auch dort drohen Veränderungen, die meinem Sohn sicher gefallen. Louis van Gaal hat jüngst im „Kicker“ eine Modifizierung der Verlängerung gefordert, in welcher seiner Vision zufolge alle fünf Minuten ein Spieler jeder Mannschaft aus dem Match genommen werden soll. Wundervolle Vorstellung, dass am Ende nur noch die Torhüter mitspielen. Van Gaal und Nick würden eine sehr gute Arbeitsgruppe bilden, um den Fußball nach vorne zu bringen. Gerne erinnere ich mich in diesem Zusammenhang an Nicks Idee, die Spieler mit Waffen auszustatten, um die Zweikämpfe ein wenig zu beleben.
Wenn wir im Garten gegeneinander antreten, schlägt er auch manchmal Regeländerungen vor. Er möchte zum Beispiel bei Bedarf den Ball in die Hand nehmen dürfen und damit ins Tor werfen. Selbstverständlich darf nur er das, ich nicht.
Mir geht das nicht nur aus pädagogischen Gründen gegen den Strich. Es ist auch so: Ich kann nicht gut verlieren. Nicht einmal gegen einen Siebenjährigen. Trotzdem habe ich ihn jahrelang im Fußball obsiegen lassen, weil ich wusste, dass ich jederzeit gegen ihn gewinnen würde, wenn ich wollte. Wir spielen im Garten auf Tore, die ich mit Mützen oder T-Shirts markiere. Mein Tor ist ein bisschen breiter als seines und ich stelle mich etwas doof an, lasse mir die Bälle durch die Beine rollen, halte nicht so fest drauf oder schieße absichtlich daneben. Normalerweise lasse ich ihn 5:0 in Führung gehen, hole dann auf, komme auf 5:4 heran, schieße zwei Tore, lasse ihn kommen und in einem gekonnt manipulierten dramatischen Showdown verliere ich 10:9. Alles super. Bis gestern.
Es stand 8:8 und ich hatte vor, noch ein Mal bei ihm einzunetzen, um dann plötzlich zu schwächeln und ihm dadurch den Sieg zu ermöglichen. Doch dann geschah es: mein Sohn traf mit einem sehenswerten Weitschuss. Das hatte ich nicht beabsichtigt. 9:8 für ihn und ich hatte den Ball. Ich schoss also härter als sonst und er hielt auf der Linie. Und dann sah er mir in die Augen, lief auf mich zu und UMDRIBBELTE mich. Mich! Er schoss den Ball sanft ins Tor und gewann 10:8. Es war das erste Mal in unserer langjährigen Beziehung als Gegner, dass er siegte, ohne dass ich ihn gewinnen ließ.
Ich habe Nicks Tor jetzt breiter gemacht. Neue Zeiten erfordern neue Regeln. Da hat der van Gaal schon Recht.