Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Buntbarschboy … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 03.05.2010

161_In kaputten Socken

Das da unten in meinen Strümpfen sind keine Löcher. Das sind Bonusöffnungen. Habe ich meiner Frau schon öfter erklärt, wenn sie mich aufforderte, die Dinger wegzuschmeißen. Ich antwortete dann, das könne ich nicht, schließlich machten diese Materialaussparungen den Strumpf erst wahrhaft wertvoll, sie belüfteten den Fuß und seien im Grunde individuelle fraktale Kunststückchen, die sich der perfekten Lange- weile eines lochfreien Industriefstrumpfes entgegenstellten wie einst Rudi Dutschke dem Wasserwerfer. Sagte ich also zu Sara und die zeigte mir einen Vogel.
Gut, die Wahrheit ist in weniger kämpferischen Worten: Socken halten bei mir leider nicht sehr lange. Ich ziehe sie an, sie werden gewaschen, ich ziehe sie noch einmal an und spätestens beim dritten Mal zeigen sich kleinere freie Stellen, an denen Fuß durchschimmert. Von da bis zum Wegwerfen dauert es dann allerdings noch eine Weile, weil ich nicht einsehe, dass man Socken nur drei Mal anziehen kann. Man muss sie sechs oder sieben oder acht Mal anziehen können. Da müssen sie durch. Und Sara auch. Ich werfe kaputte Socken nicht weg, weil ich es mag, wenn ganz viele in der Schublade liegen. Vielleicht bekommen sie ja Junge. Für einen generellen Verzicht auf Strümpfe ist es gerade auch nicht warm genug und letztlich mag ich Socken zu gerne, um ohne zu gehen. Also muss ich einen Weg finden, per Umdefinition die Unzulänglichkeiten meiner Bekleidung zu verklären. So ist das.
Nun werden Sie rufen: Kauf Dir halt vernünftige Strümpfe und nicht so einen Löcherklump. Finde ich aber gar nicht so einfach. Die Qualitätssocke also solche ist nämlich äußerlich von der Schrottsocke nur schwer zu unterscheiden (nicht einmal durch ihren Preis) und muss es zudem mit meinen Füßen auf- nehmen. Und mit meinem Gang. Sara ist der Ansicht, dass ich Strümpfe mit meiner angeblich frodobeutlinesken Art zu Gehen zerstöre. Sie behauptet, meine großen Zehen würden beim Laufen immer nach oben zeigen als zielten sie auf etwas. Wie ich davon Strumpföffnungen in den Fersen bekommen soll, ist mir
zwar ein Rätsel, aber ich verstehe auch nicht, wieso unsere Freiheit am Hindukusch verteidigt wird und warum Karten für ein Konzert von U2 180 Euro kosten müssen. Erlauben Sie mir an dieser Stelle eine kurze Abschweifung zum Wirken der irischen Rockband U2. Diese wird angeführt vom Sänger Bono Vox, der sich gerne mit Politikern fotografieren lässt und bei Auftritten das Publikum ausführlich über Missstände auf unserer Welt informiert. Einmal, das war wohl in Schottland, teilte Bono mit, dass alle zwei Sekunden irgendwo auf der Welt ein Kind stürbe. Das ist schrecklich. Und um diese Nachricht dramatisch zu untermalen, schnippte er mit den Fingern und wiederholte es noch einmal: „Jedes Mal,“ (schnipp) wenn ich mit den Fingern schnippe“ (schnipp) „stirbt ein Kind“ (schnipp). Darauf brüllte ein Schotte von weit hinten durchs Stadion: „Dann hör’ halt auf zu schnippen.“ Ende der Abschweifung und zurück zu meinen Socken.
Ich habe festgestellt, dass ich nicht der Einzige bin, der Qualitätsmängel zu imposanten Produktvorteilen umdichtet. Das Fernsehen ist darin führend. Die Herstellung immer schlimmerer Shows wird den Zuschauern als Programmvielfalt schmackhaft gemacht, die Tatsache, dass ganze Abende eines Senders mit vergleichbar doofen und direkt aufeinander folgenden Sendungen bestückt werden als Kontinuität und die Ablösung eines Chefredakteurs auf politischen Druck als demokratische Notwendigkeit.
In Wahrheit soll dies alles darüber hinwegtäuschen, wie wenig uns die Sender mögen. Ich glaube, das Fernsehen kann seine Zuschauer nicht ausstehen. Warum sonst werden wir von miesen dauerrotierenden Trailern gequält und von unterqualifizierten Moderationsattrappen angebrüllt. Nach Werbepausen müssen wir uns die letzten fünf Minuten einer Sendung noch mal ansehen. Abspänne gibt es kaum noch, ständig läuft irgendeine Blödsinnsinformation ins Bild, Senderlogos müssen sich drehen oder piepen. Ununterbrochen sollen wir irgendwo anrufen, um 1000 Euro zu gewinnen. Die Privatfernsehsender benehmen sich den Zuschauern gegenüber wie eine zugekokste Drückerkolonne.
Ich habe prinzipiell nichts gegen das Privatfernsehen, aber wenn das Geschäftsmodell wirklich darauf hinausläuft, durch dauernde Penetration des Zuschauers dessen Kaufbereitschaft für popelige Konsumartikel zu erhöhen, dann sollte dies doch wenigstens durch eine qualitativ ansprechende Umarmungsstrategie erfolgen. Im Moment ist das Fernsehen eine billige kaputte Herrensocke, finde ich und strecke dem Fernseher meine löchrig bestrumpften Quanten entgegen. So zeigt man sich diesem Medium auf Augenhöhe. Sara hat dafür andere Lösungen und die sind klüger. Sie sagt: „Schmeiß die albernen Socken weg – ich lege währenddessen eine DVD ein.“ Wenn das alle machen, ist RTL schnell pleite. Hoffentlich.