Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Reiseleider … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 10.05.2010

162_Was ist ein Spuchtel?

Ich denke schon den halben Tag darüber nach, seit mein Sohn Nick nach Hause gekommen ist und mir atemlos mitgeteilt hat, dass er sich mit seinem besten Freund Fritz gestritten habe. Das kommt schon mal vor. Im Verlaufe der Auseinandersetzung habe Fritz ihn „Spuchtel“ genannt. Ich hatte nicht die Kraft, ihm zu erläutern, dass er sich wahrscheinlich verhört und Fritz etwas vermutlich anderes gesagt habe, nämlich „Schwuchtel“. Jungs sind manchmal ziemlich gemein und ich bezweifle, dass Fritz weiß, was eine Schwuchtel ist. Also nahm ich es nicht weiter ernst und sagte, dass er sich bestimmt wieder mit Fritz vertragen würde.
Nick setzte sich auf das Sofa in meinem Büro und überlegte. „Was ist denn überhaupt ein Spuchtel?“ fragte er nach einer Weile.
„Ich habe keine Ahnung,“ antwortete ich wahrheitsgemäß.
„Sieh doch mal im Internet nach,“ drängte er.
Also googelte ich „Spuchtel,“ aber es kam nichts Vernünftiges dabei heraus. Ich versprach Nick, abends meine Recherchen fortzusetzen.
Kinder können also wie gesagt sehr hart sein. Und dies übrigens nicht nur zu anderen Kindern, sondern auch zu deren Müttern. In Carlas Schule sind Mütterwitze zurzeit schwer en vogue. Mütterwitze beginnen immer mit „Deine Mutter“ und gehen dann beispielsweise so weiter: „… sitzt bei Aldi unter der Kasse und piept.“ Carla hat ungefähr hundert Mütterwitze im Programm. „Deine Mutter ist so dick, dass sie zwei Postleitzahlen hat.“ Nicht nett. Oder: „Deine Mutter raspelt die Kokosnüsse für Bounty.“ Man weiß gar nicht, wo die Kids so etwas her haben. „Deine Mutter tanzt im Bus an der Stange.“ „Deine Mutter hat mehr Pilze als Marioland.“ Na Hallo! „Jugend ohne Gott“ will man da ausrufen. Der Untergang des Abendlandes steht bevor. Aber es gibt Hoffnung, denn: Es gibt ja zum Glück und zur Erbauung bildungsnaher Elternschichten auch noch Helene Hegemann.
Helene Hegemann ist die Menowin Fröhlich des deutschen Feuilletons. Gebildet, modern und ohne jeden Mutterwitz: Sie macht keine schlimmen Scherze über ihre Eltern, im Gegenteil, sie verehrt Mutter und Vater. Das weiß ich, weil sie es geschrieben hat. Bevor Nick rein kam mit seinem Fritz-Problem las ich einen Text von Frau Hegemann. Sie hat ihren Kritikern in aller Ausführlichkeit geschrieben und man kann nach der Lektüre festhalten, dass sie das diesmal ganz ohne fremde Hilfe getan hat. Jedenfalls wirkt es auf den ersten Blick so. Doch im zweiten Durchgang tun sich Zweifel auf. Während ich ihre Ausführungen nochmals lese, spüre ich, dass da etwas nicht stimmt. Das ist doch wieder alles abgeschrieben! Merkt das denn keiner?
Zum Beispiel das Wort „Rebellion.“ Das kommt doch genau so auch in Fix und Foxi, Heft 12/1976 vor! Oder hier: „Die bestangezogene Frau Deutschlands.“ Diese Formulierung stammt eindeutig aus der Gala! Oder da: „Treibsand!“ Wenn das mal nicht von Karl May gestohlen ist. Und da wird mir klar: Der komplette Text besteht zur Gänze aus Wörtern, die von anderen Autoren schon einmal verwendet wurden, zum Teil sogar von mir. Sie hat die ganzen Begriffe einfach nur neu zusammengemischt. Was für ein geschicktes Formulierungsbiest! Aber wahrscheinlich wird die deutsche Literaturkritik wieder fest schlafen und Madämchen kommt damit durch. Das ist schlimmer als Mütterwitze reißen!
Gerade kam Carla nach Hause und präsentierte ihren neuen Lieblings-Spruch: „Deine Mutter schubst kleine Jungs vom Fahrrad und riecht am Sattel.“ Nick sagte etwas ratlos, dass er diesen Witz nicht verstünde und ich sagte, dass es auch nicht viel zu verstehen gäbe daran. Es sei doof. Und dann rief mein Sohn: „Deine Mutter ist ein Spuchtel!“
Darauf Carla: „Was ist denn ein Spuchtel?“
Ich sagte geistesgegenwärtig, ein Spuchtel sei ein kleiner Junge, der sein Zimmer nicht aufräumen wolle und sich nur alle zwei Tage die Hände wasche. Und Nick sagte: „Okay, dann bin ich ein Spuchtel. Und Fritz ist auch ein Spuchtel.“ Helene Hegemann ist ganz sicher kein Spuchtel.