Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Alterspräsident … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 07.06.2010

166_Ein Herz für Würmer

Die Tierliebe unseres Sohnes Nick treibt bisweilen etwas exotische Blüten. Er geht zum Beispiel gerne mit seiner adipösen Hamsterdame spazieren. Dafür hat er ihr ein ebenso winziges wie bizarres Ausgehgeschirr gebastelt. Stundenlang führt er Gimli daran durch den Garten, weil er meint, dass so eine Hamsterin auch ein Recht auf Auslauf hat. Nick zeigt ihr die Himbeeren, setzt Gimli auf seine Schaukel und verbrachte gestern mit ihr einige Zeit beim Rasenmäher, wohl um ihr einen längeren Vortrag über die Gefahren rotierender Schneidwerkzeuge zu halten. Diese haben gerade ein ziemlich unappetitliches Gemetzel angerichtet.
Ich habe mit dem Rasenmäher eine Blindschleiche überfahren. Ich konnte sie nicht sehen, das Gras war zu hoch. Hälftig noch zuckend wand sie sich und das tat mir sehr leid, bevor ich sie auf den Komposthaufen warf. Mein pragmatisches Verhältnis zum Ableben des Hartwurms brachte Nick zusätzlich auf die Zinne und so nannte mein Sohn mich einen Mörder und weinte bittere Tränen. So sehr mich das traf, so einverstanden war ich doch mit seiner Reaktion. Ich habe nämlich mal gelesen, dass sehr viele spätere Serienmörder als Tierquäler im Kindesalter begonnen haben. Und danach sieht es bei Nick eben nicht aus.
Ich kann mich daran erinnern, dass ich als kleiner Junge auch ganz besonders tierlieb war. Einmal bin ich nach einem starken Sommerregen mit dem Fahrrad los gefahren, um sämtliche Regenwürmer zu retten, die sich blass, wässrig und lendenlahm über die Straße quälten. Ich befürchtete, dass die von mir geliebten Ringelwürmer vo n Autos platt gefahren oder aber einen grausamen Dörrtod sterben würden, sobald die Sonne wieder schien. Ich sammelte also alle Regenwürmer auf, die ich in der Nachbarschaft finden konnte. Es waren viele, sehr viele, die ich vorsichtig in einen kleinen Karton legte. Dann fuhr ich nach Hause, hob ein recht tiefes Loch im Garten aus, was meine Kindermuskeln stark in Anspruch nahm, weil die Erde vom Regen so nass und schwer war. Ich legte jeden einzelnen Regenwurm in das Loch und begrub das schlaffe Getier mit dem Aushub. Ich war sehr stolz auf meine Tat. Später habe ich in der Schule gelernt, dass die Würmer bei Regen absichtlich ihre Höhlen verlassen, weil sie in der feuchten Erde ersticken würden. Das ließ meine Aktion in einem völlig anderen, sehr viel matteren Licht nur mehr funzeln, das mag sein. Aber der Wille zum Guten war da, genau wie bei Nick.
Der kam gestern mit einer fürchterlichen Geschichte aus der Schule. Es ist nämlich so, dass bei uns auf dem Land die Bauern inzwischen mit riesigen Geräten die Wiesen mähen. Die monströsen Fahrzeuge haben eine Schnittbreite von bald 15 Metern und alles, was sie abschneiden, landet gleich in überdimensionierten Anhängern. Wo der Bauer früher einen halben Tag für eine Wiese brauchte, donnert er heute in einer halben Stunde einfach drüber. Und zerhäckselt dabei Rehkitze. Diese werden von ihren Eltern im hohen Wiesengras umhegt. Früher konnten die Bauern sie sehen, anhalten und verscheuchen, heute sitzen die Herren Agrartechniker so weit oben und so weit weg in ihren Avatarmäßigen Supermähwerken, dass sie die Wildtiere frühestens wahrnehmen, nachdem sie ihnen die Läufe abgesäbelt haben. Furchtbar ist das und Nick hat es in der Schule gehört. Ein Kindkollege vom Bauernhof hat ihm das erzählt. Und dass man neulich einen Jäger holen musste, um ein kläglich schreiendes Kitz zu erlösen.
Nick stand vom Mittagessen auf und erklärte, er werde etwas dagegen unternehmen. Ich hörte ihn in der Küche hantieren und dann stand er mit mehreren Töpfen und Deckeln vor mir. Wir müssten zur Wiese gehen und Krach machen, um die Rehkitze aufzuscheuchen, bevor der Bauer käme, um sie zu überfahren. Ich hatte nicht die Kraft, ihm zu widersprechen – erst Recht nicht nach der Sache mit der Blindschleiche – zog meine Jacke an und ging trotz Regens mit ihm zur Wiese, um Krach zu machen. Wir schlugen fast eine halbe Stunde Töpfe und Deckel. Es kam aber kein Reh gesprungen. Und kein Bauer gefahren. Nur ein Regenwurm kam. Und unsere Nachbarin. Beide schauten sehr amüsiert.