Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Kinokartenverlierer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 14.06.2010

167_Vuvuzela

Worauf ich mich bei der gerade begonnenen Fußballweltmeisterschaft am meisten freue? Schwer zu sagen, denn eigentlich freue ich mich auf alles, was da noch kommt. Besonders auf Dattelmann. Seine Tochter geht mit unserem Nick in eine Klasse. Ich habe verschiedentlich von Dattelmann erzählt. Er hat in der vergangenen Neujahrsnacht gegen 0:23 Uhr die Polizei angerufen und sich über ruhestörenden Lärm beklagt. Die Beamten teilten ihm mit, dass es ein alter Brauch sei, in jener Nacht vermittels Feuerwerk seine Freude über den Ablauf des alten und seine Vorfreude aufs nächste Jahr zum Ausdruck zu bringen und dies sei ihm sicher bekannt und er möge bitte aus der Leitung gehen, weil es sein könne, dass sich jemand dabei vor ebenjener Freude in die Luft sprenge und da müsse man als Polizei sauber auf dem Kiwief sein. Vielleicht hat die Polizei es auch anders ausgedrückt, jedenfalls hat Ulrich Dattelmann dann eine folgenlose Dienstaufsichtsbeschwerde in Gang gesetzt. Was das mit der WM zu tun hat? Ach ja: Dattelmann will jeden verklagen, der sich ihm auf zwanzig Meter mit einer Vuvuzela nähert, das ist eine gemeingefährliche Tröte, quasi das Horn von Afrika. Ich habe mir bereits so ein Ding besorgt, um mal zu sehen, wie weit Dattelmann wirklich geht.
Worauf ich mich noch freue: Natürlich auf die Hymne und die lässige Vorbeifahrt der TV-Kamera an den Mannschaften samt hektischer Regieanweisungen aus dem Ü-Wagen: „Soooo und jetzt rauf, ganz rauf zu Mertesacker. Und jetzt runter, runter, noch weiter runter, ganz runter zu Marin. Und halb rauf zu Schweinsteiger. Mist, jetzt haben wir Özil verpasst. Oder kommt der noch? Kann mal einer gucken, ob der noch kommt?“ Ich finde die Frage, ob die alle bei der Hymne mitsingen oder nicht, übrigens ziemlich langweilig. Wenn man möchte, dass alle artig mitsingen, muss man was anders auflegen, „Anton aus Tirol“ oder so. Mich erinnert diese Situation immer an das Abschreiten der Ehrengarde bei Staatsbesuchen. Diese Tradition kommt aus ganz frühen Zeiten, in denen es noch keine Fotos gab und es ging dabei nicht darum, dem ausländischen Gast seine Armee zu zeigen, sondern der Armee den Staatsgast, damit sich die Soldaten sein Gesicht einprägen konnten, falls sie ihn vor Angriffen beschützen mussten. Die Vorstellung der Mannschaften bei der WM hat eine ganz ähnliche Funktion und dient im Wesentlichen der Vorabidentifizierung von späteren Rotsündern der gegnerischen Mannschaft.
Sehr viel Spaß werden auch die Italiener machen, wenn auch nicht die auf dem Spielfeld. Deren von Schauwerten befreites und auf Spielverhinderung angelegtes Gegurke steht in einem abstrusen Missverhältnis zur Begeisterung ihrer Fans. Mein Schwiegervater rastet zum Beispiel aus, wenn von der Squadra Azurra die Rede ist. Götter seien seine italienischen Jungs allesamt, ruft er. Und dass sie fraglos den Titel verteidigen würden. In der Verteidigung bestünde die eigentliche Kunst dieses Sports. Diese Haltung sowie denselben Geburtsjahrgang teilt er mit Otto Rehhagel, der die Griechen trainiert, deren Mannschaft sportlich eine Art „Resteplatte Agamemnon“ darstellt, um es mal im Jargon griechischer Kleingastronomen auszudrücken.
Worauf ich mich aber am meisten freue: Günter Netzer. Natürlich. Er wird bei seinem letzten Auftritt als Analyse-Charge der ARD die Bombe platzen lassen und zugeben, dass er nur eine riesige plappernde Handpuppe ist mit einem ganz großen Loch im Po. Genau wie Franz Beckenbauer übrigens. Netzer wird von einem langarmigen Mitarbeiter des Senders gesteuert, der den Mund und den Rumpf Netzers bewegen kann. Netzers Worte kommen von Gerhard Delling, der keineswegs Sportmoderator ist, sondern ein recht talentierter Bauchredner, der nun aber langsam die Lust an Netzer verloren hat. Der ist ihm einfach entglitten. Zu groß geworden. Auch zu laut. Wie eine Vuvuzela.
Apropos zu laut: Mein Sohn wird wieder singen. Sein Lieblingslied. Bei der vergangenen WM war er drei Jahre alt und bot eine zauberhafte Fassung von „54, 74, 90, 2006,“ indem er durch den Garten wetzte und brüllte: „Mit dem Herz in der Hand und der Scheide im Bein!“
So. Los geht’s. Mann, bin ich aufgeregt!