Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Maurerbonbon … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 21.06.2010

168_Heidi Kabel

Als letzte Woche Heidi Kabel starb, fiel mir meine Kindheit wieder ein. Ich erinnerte mich daran, dass die Volksschauspielerin darin eine gewisse Rolle spielte, genau wie Willy Millowitsch, Heinz Schenk, Hans-Joachim Kulenkampff und Peter Frankenfeld. Männer, die schon alt waren, als ich jung war und im Fernsehen Witze machten, die ich nicht verstand, aber aushielt, weil ihnen zu zusehen immer noch besser war, als ins Bett zu müssen.
Sämtliche Darbietungen in „Musik ist Trumpf“ oder „Einer wird gewinnen“ schockierten mich nachhaltig und fühlten sich an wie endlose Schulstunden mit angeheiterten Lateinlehrern. Es wurde damals ziemlich hemmungslos im Fernsehen gepichelt und die häufig angeschickert wirkenden Erwachsenen sangen scheinbar grundlos oder erzählten Witze mit verteilten Rollen. Eine Ausnahme bildete hierbei nur der strenge Bundeskanzler Schmidt, der zwar keine Unterhaltungssendung moderierte, aber trotzdem oft im Fernsehen auftrat, dabei auf mahnende Art nüchtern wirkte und nicht zum Scherzen aufgelegt schien. Er war der Anti-Kulenkampff und das gefiel mir sehr gut, es beruhigte mich geradezu.
Die TV-Show sowie der Bühnenschwank Kabelscher und Millowitschscher Prägung bildeten damals das Fundament der öffentlich-rechtlichen Fernseh-Kultur. Schon die Kinder lernten dies, indem sie am Samstag die Muppet Show gezeigt bekamen, in der ein Altherrenduo von Frankenfeldscher Witz-Qualität für die Humorbildung des Nachwuchses verantwortlich zeichnete. Den Schluss jeder Sendung markierten die greisen Logensitzer Waldorf und Statler mit wundervollen Kommentaren zur Show. Sagt Waldorf: „Also mir hat die Show gefallen.“ Antwortet Statler: „Ja, aber Dir hat auch der zweite Weltkrieg gefallen.“ Das war große Kunst und bemerkenswert erscheint, dass die beiden Kriegsveteranen in dieselbe Generation gehören wie die deutschen Unterhaltungsstars dieser Zeit.
In meiner Erinnerung sehe ich diese Menschen durch einen dichten Zigarrendunst in bräunlichen Farben, was mit der Mode der siebziger Jahre zu tun haben mag. Das war die Zeit der dicken Möbel und der dicken Teppiche und Krawatten. Alles an diesen Leuten schien so schwer, Bäuche waren ihnen keine Last und die Frauen umschwirrten sie wie freche Schmetterlinge, besonders Heidi Kabel und Anneliese Rothenberger, die ebenfalls gerade gestorben ist und in meiner Kindheit verstörende Eindrücke hinterließ, weil sie immer sofort anfing zu singen, wenn sie irgendwo auftauchte.
Vielleicht täusche ich mich, aber solche Figuren gibt das Fernsehen nicht mehr her, die Generation des autoritären Publikumsdompteurs Marke Kulenkampff oder Frankenfeld oder Rosenthal ist verschwunden und mit ihr der Zigarrenqualm und die Verwurzeltheit des Moderators in der deutschen Kultur und Geschichte. Moderne Showmacker wie Oliver Geißen oder Kai Pflaume berufen sich auf nichts und könnten ebenso gut in Holland oder Mexiko moderieren, man würde den Unterschied kaum bemerken, zumal sie häufig Sendungen präsentieren, die es genau so auch in Holland und Mexiko gibt.
Die großen Showstars von einst sind verschwunden. Übrigens genau wie die Margarine, für die Heidi Kabel warb. Sie sagte damals in einem Werbespot, man schmiere sich ja schließlich nicht irgendwas aufs Brot und illustrierte diese Behauptung, indem sie sich irgendwas aufs Brot schmierte. Was war das noch mal? Flora Soft? Botteram? Nein: SB Margarine. Das SB stand wohl für Sonnenblume und nicht für Selbstbedienung. Jedenfalls hat man stark den Eindruck, dass sich nach dem Rückzug der Showdinos der siebziger Jahre auch die Margarine allgemein auf dem Rückzug befindet. Margarine, das war Ersatzbutter, Napoleon hat ihre Entwicklung angeblich in Auftrag gegeben. Margarine war der Fettersatz der Kriegsgeneration, die nun langsam verschwindet. Heidi Kabel und ihre Kollegen waren der kulturelle Fettersatz für die Ausgebombten.
Aber halt! Einer lebt noch. Peter Alexander. Er möchte mit der Öffentlichkeit, die nicht mehr seine ist, nichts zu tun haben. Womöglich sitzt er zuhause und bestreicht einen Hefezopf mit einer dicken Schicht SB-Margarine. Wir sollten ihn hochleben lassen, immerzu.