Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Nasszelle … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 05.07.2010

170_Skandal-Hochzeit in Campobasso

Marco Marcipane hat geheiratet, mitten während der Weltmeisterschaft. Er ist der Cousin meiner Frau Sara und der Sohn von Egidio und Maria, vielleicht habe ich schon mal von denen erzählt. Sie leben in einer italienischen Kleinstadt nordöstlich von Neapel und manchmal fahren wir hin, damit sämtliche Verwandte meinen Kindern in die Wange kneifen und mich mit „Forst“-Bier befüllen können. Egal. Jedenfalls hat Marco jahrelang in Sünde mit seiner jetzigen Gattin Giulia in einer gemeinsamen Wohnung gelebt und nun auch bei der Hochzeit alles anders gemacht als man dies in Campobasso gewohnt ist.
Nachdem er das Aufgebot bestellt und das Lokal ausgewählt hatte, trafen er und seine Braut mehrere höchst abweichlerische Entscheidungen: Keine zwölf Gänge, kein Akkordeonspieler, kein Zauberer, keine Tarantella. Und vor allem: keine Kirche. Als er dies seiner Mutter Maria mitteilte, begann diese unverzüglich zu weinen und behielt diesen Zustand über mehrere Tage bei, jedenfalls sobald sie sich in Gesellschaft befand. Ihr Leben sei verpfuscht und sinnlos, klagte sie und bat den ortsansässigen Pater Alfredo um Hilfe und Beistand, wobei sich heraus kristallisierte, dass sie Giulia für eine Abgesandte des Teufels hielt und die ganze Trauung mit oder ohne Kirche für einen Riesenfehler. Pater Alfredo riet ihr, in Bezug auf die Hochzeitsplanung ihren mütterlichen Einfluss geltend zu machen, wo es nur ginge. Auf diese Weise könne man vielleicht das Schlimmste verhindern.
Maria schleppte ihren Sohn also zu einem Hochzeitsausstatter, der Marco einen himmelblauen Anzug mit einem ebenso himmelblauen Zylinder empfahl. Marco gab seiner Mutter einen Kuss und kaufte sich woanders einen sehr schönen dunklen Prada-Anzug, den man auch zu anderen Gelegenheiten tragen kann und den Giulia ausgesucht hatte. Maria war entsetzt.
Strategisch viel zu spät fiel ihr ein, die Gästeliste dahin gehend zu kontrollieren, ob auch alle wichtigen Personen aufgeführt waren. Und das war nicht der Fall. Ganze 75 Gäste wollten Marco und Giulia dabei haben. 75. Das waren weniger als halb so viel wie sonst üblich. Maria identifizierte darüber hinaus nicht weniger als zwölf fragwürdige, weil ihr unbekannte Freunde des Brautpaares. Dafür fehlten entfernte Verwandte aus Bari und Foggia sowie diverse Bekannte aus der Stadt und den umliegenden Gemeinden. Sie rief Marco an.
„Was ist mit Assunta?“, bebte sie.
„Wer ist Assunta?“, antwortete er.
„Deine Tante Assunta,“ insistierte sie leicht tremolierend. Er antwortete, dass er noch nie von dieser Tante gehört habe und Maria gab zu, dass es sich nicht im engeren Sinne um eine Tante handele, sondern um eine frühere Nachbarin, die zwar vor anderthalb Jahrzehnten umgezogen, aber ihr, Maria, noch sehr verbunden sei.
„Aber mir ist sie nicht verbunden. Und Giulia auch nicht. Ich habe die Frau seit zwanzig Jahren nicht gesehen und ich werde sie nicht einladen.“
Maria weinte und wies darauf hin, dass Assunta ihr bereits verraten habe, dass sie ein sehr schönes Geschenk gekauft habe und der Gesichtsverlust für alle Beteiligten sei zu groß, das überlebe sie nicht und wenn ihr Sohn und seine Frau sie umbringen wollten, dann sollten sie ihr lieber ein Messer ins Herz bohren als ihr die Grausamkeit dieser Scham anzutun. Marco blieb hart. Dann fand die Hochzeit statt und ich fand sie sehr gelungen.
Nach dem Standesamt ging es in ein schönes Gartenlokal, dort gab es fünf Gänge und Marcos Freunde sangen ein Lied. Unter den Gästen saß auch eine Dame, die ich auf sämtlichen zuvor abgehaltenen Feiern der Familie noch nie gesehen hatte. Ich fragte Sara, wer das sei und sie fand heraus, dass es sich um eine gewisse Tante Assunta handelte.
Marco erzählte später, dass er drei Tage vor der Trauung in seinem Kontoauszug eine Gutschrift über 200 Euro entdeckt habe, mit der er nichts anfangen konnte, bis er den Verwendungszweck las: „Viele Grüße von Tante Assunta.“ Da blieb ihm gar nichts anderes übrig als sie einzuladen. Maria lächelte den ganzen Tag.