Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Aufschneider … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 29.06.2010

169_Basta

So. Das war’s. Die Weltmeisterschaft ist vorbei. Jedenfalls für Antonio Marcipane. Seine Italiener sind draußen und damit ist für ihn das ganze Spektakel beendet. Basta! Dass auch die Franzosen nicht mehr dabei sind, ist für ihn nur ein schwacher Trost, denn die Franzosen, „die ätte wir sowieso appe geputzt,“ wie er mit trotzigem Stolz erklärte, nachdem für ihn feststand, dass es wirklich aus war, also zwei Tage nach Beendigung des Matches seiner Squadra Azzura gegen die Slowakei. So lange brauchte er, bis ihm klar war, dass niemand das Ergebnis anfechten würde.
Eigentlich hatte diese Weltmeisterschaft für Antonio gut begonnen. Mit einem Paukenschlag des Frohsinns und bereits im Dezember letzten Jahres. Da rief er mich an, um durchzugeben, dass die Wä Emme bereits gelaufen sei, Italien habe praktisch schon gewonnen, die Spiele selbst seien bloß noch Formsache. Er bezog seine Zuversicht aus der Tatsache, dass Italien in eine Puppigruppe mit Paraguay, der Slowakei und Neuseeland gelost worden war. Besonders die Slowakei löste bei ihm größte Heiterkeit aus, denn was hätten diese Ostblockheinis schon der Tradition des italienischen Fußballs entgegen zusetzen. Auch die Mannschaften aus Paraguay (kennti kein Mensch in internazionale Vergleik) und die der Neuseeländer (von die Arsche dä Welte) weckten bei Antonio keinesfalls Befürchtungen.
Antonio bereitete sich auf die Weltmeisterschaft vor, indem er einen neuen Fernseher und einen neuen Grill erwarb. Er lebt nun schon so lange in Deutschland, dass er eine Bratwurst mit Senf zu schätzen weiß. Schließlich besorgte er sich eine Vuvuzela, in die er genau ein Mal blies. Dann erschien der Nachbar zur Rechten wie durch die Gartenhecke diffundiert auf Antonios Terrasse und forderte die Herausgabe des Blasgerätes. Antonio versprach, nur noch bei Siegen seiner Elf zu tröten und damit war Ruhe, worüber sich außer Antonio alle freuten.
Seit Jahren genießt er Europa– und Weltmeisterschaften im Trikot seiner Mannschaft, wobei er das 94er Modell trägt, welches durch einen ulkigen Kragen und ein irritierendes Muster im azurblauen Grund besticht. Das Ensemble spannt ein wenig, aber schließlich geht es hier um eine Angelegenheit von nationaler Dimension, da stört übertriebene Eitelkeit nur.
Antonios Gattin Ursula, die meine hoch verehrte Schwiegermutter ist, guckt übrigens im deutschen Trikot (Modell 2006) und sie traut sich, Gegenpositionen einzunehmen, weil Antonio sich in einer gewissen Abhängigkeit zu ihr befindet, was die Mahlzeiten und die Haushaltsführung angeht. Also duldete Antonio seine Frau neben sich, die Vuvuzela stets griffbereit, um sie im Erfolgsfall ins Nirvana zu tröten. Die erste Partie gegen Paraguay gab dazu keinen Anlass, Antonio buchte das 1:1 als Betriebsunfall ab. Immerhin sah er„das Feuer in die Augen brennen.“ Zeugen schworen, alles was in den Augen gebrannt habe, sei dem Grilldunst im Marcipanschen Garten geschuldet gewesen, aber Toni behielt die Zuversicht, die erst mit dem glanzlosen Unentschieden gegen Neuseeland erste matte Kratzspuren erhielt. Auch hier lag Italien zurück, um auszugleichen und nichts weiter auf die Beine zu stellen.
Das dritte Match verfolgte Antonio mit einer Anspannung im Gesicht, die in Laborversuchen bei keinem Tier der Welt machbar sein dürfte. Wieder Rückstand, Anschlusstor durch DiNatale, dann der Todesstoß durch einen Ostheini namens Kopunek, doch dann Tor durch den großartigen Quagliarella und was danach geschah, dass konnte Antonio nicht verstehen. Vor vier Jahren hatte es doch auch geklappt, im Achtelfinale gegen Australien. Da hatte Fabio Grosso in letzter Minute im Strafraum einen Schwächeanfall erlitten, es hatte einen Elfmeter gegeben und man war ein paar Tage später Weltmeister geworden. Und diesmal? Pfiff der Schiedsrichter einfach vorher ab. Man hatte seinen Italienern praktisch keine Gelegenheit gegeben, sich hinfallen zu lassen. Ein Skandal, das kann man nicht anders sagen.
Für Antonio war der Fußball als solcher gestorben. Fürs erste. Er saß aber dann doch vorm Fernseher, als Deutschland spielte. Aber er hat nicht hin gesehen. Behauptet er jedenfalls. Er hatte angekündigt, sich bei einem Sieg Deutschlands gegen England vielleicht zu einem kleinen Vuvuzela-Tröter hinreißen lassen. Er hat dann sogar fünf mal geblasen. Einmal für jedes Tor. Und einmal einfach so.