Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Wurstwasser … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 11.07.2010

171_Belmondo

Natürlich habe ich vergessen, wie man dieses Phänomen tatsächlich nennt. Ich glaube, es leitet sich vom Namen irgendeines Franzosen ab. Voltaire ist es aber nicht. Platini auch nicht. Vielleicht Belmondo. Egal. Es geht um Folgendes: Anschaffungen ziehen meistens Anschaffungen nach sich. Man kauft sich also eine hellblaue Hose und weil man keine hat, die dazu passen, braucht man auch neue Schuhe und ein neues Hemd und stellt irgendwann fest, dass man ein ganz neues Leben gekauft hat, nur weil man mal eine hellblaue Hose tragen wollte. Das ist mir auch passiert. Ich habe aber keine Hose angeschafft, sondern Müllbeutel.
Ich stand vor dem Supermarktregal und suchte nach passenden Müllbeuteln. Die Auswahl war groß und mein Bekennermut bezüglich meiner Ahnungslosigkeit in punkto Müllbeutelgrößen war klein. Ich schätzte ab, was so in unseren Mülleimer passt, indem ich die Häufigkeit voller Mülleimer in unserem Haushalt maß. Ich, natürlich-ich-wer-denn-sonst-meine-Kinder-sind-sich ja-viel-zu-fein-dafür-die-kleinen-Herrschaften, bringe pro Woche ungefähr vier Mal den Müll raus. Besäßen wir einen 50 Liter fassenden Mülleimer, wären das ja 800 Liter Müll pro Monat. Konnte ich mir nicht vorstellen und erwarb daher eine Großpackung 10-Liter-Müllbeutel. Die erwiesen sich umgehend als zu klein. Ich spannte die Beutel also gewaltsam um den Mülleimer. „Die Dinger, die Du gekauft hast, sind blöde,“ meckerte Sara. Sie fand, dass man mit bloßem Auge abschätzen könne, dass die Dinger nichts taugten und dass ein vierköpfiger Haushalt nun einmal Müll produziere und sie brächte alleine vier Mal pro Woche Müll nach draußen. Ich fand sie kleinlich, doch leider hatte sie Recht. Die Beutel rissen ein, nicht nur oben am Rand, auch unten, wo sie im Eimer baumelten und zu schwer wurden. Riesenschweinerei. Als ich nach ein paar Tagen die vierte Tüte um den Mülleimer zwang, brach dieser von der Innenseite der Tür ab, an der er immer gehangen hatte.
Es tauchte auf Geheiß meiner Gattin ein Mann bei uns auf (keine Ahnung, wo sie diese Typen immer sofort auftreibt; kaum gibt es ein Problem, klingelt es bei uns, das ist beunruhigend), der einen mehr als tausend Seiten starken Katalog auf den Esstisch knallte, in welchem Mülleimer ein Kapitel von wenigstens 130 Seiten ausmachten. Ich hätte nie gedacht, dass man sich so lange über Mülleimer unterhalten kann, aber wir brauchten zwei Stunden für die Auswahl eines eckigen Exemplares, welches einem entgegen strebt, sobald man die Tür öffnet. Es nimmt Unrat in mehreren verschiedenen Schächten auf, die jeweils Müllbeutel unterschiedlicher Größe und Farbe erfordern. Sagenhaft.
Der Mann vermaß das Innere unseres Spülunterschrankes und stellte fest, dass dieser zu klein für den neuen Mülleimer und sowieso uralt sei. Das ist natürlich Quatsch. Ich bin 42 und fühle mich nicht alt. Der Spülschrank ist vielleicht neun oder zehn und er ist in tadellosem Zustand, wenn man davon absieht, dass der Rolls Royce der Mülleimer nicht hinein passt. Es gibt – kurze Abschweifung – ja für alles einen Rolls Royce. Es gibt den Rolls Royce unter den Röhrenverstärkern, den Rolls Royce unter den elektrischen Zahnbürsten und den Rolls Royce unter den Paprikachips. Vermutlich gibt es auch den Rolls Royce unter den Bundespräsidenten, aber die Bundesversammlung hat sich für den 3er BMW unter den Bundespräsidenten entschieden.
Sara wollte unbedingt, den Müll-Rolls und deshalb kam am nächsten Tag ein anderer Mann, um sich den Spülschrank anzusehen. Er machte uns Vorschläge, die allesamt darauf hinaus liefen, dass wir uns eine neue Spüle kaufen mussten. Die aktuellen Modelle sind aber höher als unser bisheriges Küchenmöbel, weil man annimmt, dass die Menschen heute größer sind als vor neun Jahren, was für Sara und mich zwar nicht zutrifft, aber wir sind nicht maßgeblich für unsere Kaufentscheidungen. Die Tatsache, dass die neue Spüle samt Unterbau zweieinhalb Zentimeter höher ausfiel als der Rest der Küche, verdross uns sehr. Wir haben uns daher für den Kauf einer ganz neuen Küche entschieden. Sie kommt in ein paar Wochen und ich freue mich sehr darauf, denn: Diese kleinen Müllbeutel, die ich da neulich gekauft habe, passen mühelos in den viereckigen Rolls Royce unter den Mülleimern.

Kleine Anmerkung: Lesereisen sind Bildungsreisen. Nachdem ich diese Geschichte in Koblenz vorgelesen hatte, kam ein Mann zu mir und sagte mir, wie dieses Phänomen tatsächlich heißt: Diderot-Effekt. Es ist nach dem französischen Philosophen Denis Diderot benannt, der sich bereits im 18. Jahrhundert darüber wunderte, dass der Kauf eines Morgenmantels bei ihm mittelfristig zum Erwerb einer kompletten neuen Einrichtung führte.