Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Trompetenkäfer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 20.07.2010

172_Endkrasser Boy-Alarm

Es gibt Neues vom Pubertier: Die Beziehung unserer Tochter Carla mit dem schönen und von mir über die Maßen geschätzten Marius ist in die Krise geraten. Und weil ich beide mag, leide ich mit, auch wenn mir nicht mehr so ganz klar ist, woran Zwölfjährige leiden. Da ist ja noch alles ganz harmlos. Denke ich. Hoffe ich.
Auf jeden Fall ist der Wurm drin bei den beiden und eigentlich sollte ich das gar nicht wissen, denn mir erzählt Carla so etwas natürlich nicht. Man müsste schon Ohren haben wie eine Fledermaus, um in den Genuss von Einzelheiten zu kommen. Aber was mir an den Ohren fehlt, gleicht meine Neugier aus. Ich kann mich in eine mobile geheimdienstliche Abhörstation verwandeln, wenn es sein muss. Sie werden empört und richtigerweise feststellen, dass mich das Privatleben meiner Tochter nichts angeht, aber damit liegen Sie nur teilweise richtig. Schließlich würde völliges Desinteresse am Privatleben meiner Tochter später einmal zu herben Vorwürfen und hohen Therapiekosten führen. Diese möchte ich meinem Kind ersparen und informiere mich deswegen ständig über den Zustand seiner Jugendlichkeit. Dabei hilft mir die regelmäßige Lektüre der gängigen Fachpresse.
Ich stand also in der Küche und blätterte die Bravo unserer Tochter durch. Ganz schön öde. Alles voll mit Justin Bieber und Rihanna. Wenn meine Jugend auch so öde gewesen wäre, wäre ich wahrscheinlich heute cracksüchtig. Wie Max Wright. Das ist der Schauspieler, der vor 25 Jahren den spießigen Willie Tanner in der TV-Serie „Alf“ gespielt hat. Es gibt im Internet Fotos von ihm, auf denen er Crack raucht und es mit wilden Burschen treibt. Das hat man davon, wenn man früher zu brav war.
Nachdem ich alles gelesen hatte, was man wissen muss, um mithalten zu können – Kristen hat eine neue Haarfarbe, Stephenie leidet am Vampir-Burnout, Nick datet Musical-Kolleginnen – legte ich das Heft beiseite, um Carla zu suchen. Ich mag es, mit ihr über meine frisch erworbenen „Twilight“-Kenntnisse zu schwatzen, auch wenn sie mir immer einen Tick voraus ist. Sie saß im Wohnzimmer und telefonierte, bemerkte mich aber nicht. So kam ich in den Genuss folgender Sentenz: „Mein Vater ist auch manchmal so endpeinlich.“ Soso. Halt! Vater? Das bin ja ich! Frechheit. Ich hörte weiter zu und erfuhr dann, dass zwischen ihr und Marius die Dinge nicht zum Besten stehen. Was ist da los?
Marius war vor ein paar Tagen bei uns. Er blieb bis fast halb neun, was ich für Zwölfjährige lang finde, aber ich habe nichts gesagt. Dann verschwand er ohne Abschiedsgruß. Das hätte mich stutzig machen müssen. Ich habe Carla aber nicht darauf angesprochen. Und nun kommt raus: Sie hat ihn an dem Abend rausgeschmissen, weil er etwas Fürchterliches getan hat. Er hat, während sie ihm etwas erzählt hat: gegähnt.
In diesem Zusammenhang habe ich kürzlich einen wunderschönen Namen gelesen: Ponniah Thirumalaikolundusubramanian. Es handelt sich bei Herrn Thirumalaikolundusubramanian um einen indischen Internisten, der sich mit neuen Erkenntnissen zum Thema Gähnen hervorgetan hat, wobei die Länge seines Nachnamens keine Rolle spielte, sondern seine Beobachtung, dass das Gähnen offenbar von primitiven Hirnregionen gesteuert wird. Affen gähnen, Hunde gähnen, Fische wohl eher nicht. Ich gähne auch, wobei mein Gehirn sehr sorgfältig darauf achtet, dass ich nicht zur Unzeit und vor allem geräuschlos gähne. Von primitiv kann bei mir also keine Rede sein. Ich bin ein überaus unprimitiver Gähner und ich bemühe mich sehr, niemals zu gähnen, wenn meine Frau etwas erzählt. Da könnte sich Marius mal eine Scheibe von abschneiden: Niemals gähnen, wenn Frauen reden.
Carla beendete das Telefonat und entdeckte mich hinter der Tür. Und ich, ertappt und geistig schwerfällig, wollte ihr Mut zusprechen in schlimmer Zeit und verwendete dafür frisch aus der Bravo entlehnte Vokabeln. Ich fragte: „Na? Endkrasser Boy-Alarm?“
Carla verdrehte die Augen und ging in ihr Zimmer. Vielleicht helfe ich den beiden. Ich muss mal bei Marius anrufen. Oder lieber nicht. Meine Tochter könnte bis zum Äußersten gehen und mich mit ihrem Twilight-Parfüm besprühen. Das überlebe ich nicht.