Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Basstölpel … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 26.07.2010

173_Ein Abend, wie er sein sollte

Familie zu haben ist ein ziemlich teurer Spaß. Man soll sich nicht darüber beklagen, das ist elend und spießig. Und doch muss man diese Tatsache von Zeit zu Zeit berücksichtigen. Es ist in diesem Zusammenhang das schöne Bonmot überliefert, man habe sich seinerzeit über die Geburt der Kinder sehr gefreut, obwohl man eine neue Kommode für den Flur entschieden dringender gebraucht hätte. Auf jeden Fall lebt auf größerem Fuße, wer seine Bude nicht mit Kindern und deren Spielsachen, Möbeln sowie Schulfreunden teilen muss.
Und weil das so ist, gingen wir in den letzten Jahren nicht mehr sehr häufig aus. Schon für einen simplen Kinobesuch muss ein Familienvater nämlich schwer bemoost sein, besonders wenn die Kids nicht dabei sind, denn dann kommen sofort zwei starke Kostenfaktoren zum Tragen: Babysitter und Abendvergnügungsauslastungsgebühren. Unter letzterem versteht man sämtliche Zusatzentgelde, die anfallen, wenn ein ausgehungertes Ehepaar auf eine deutsche Innenstadt losgelassen wird. Es geht bei diesen seltenen Vergnügungen nämlich nicht nur ins Kino, sondern vorher oder nachher etwas essen und vorher oder nachher etwas trinken. Hinzu kommen Parkgebühren, Trinkgelder und so weiter und so fort. Ein Kinobesuch kommt ganz schnell, klingeling, auf 150 Euro.
Wir waren daher sehr froh, als Carla uns eröffnete, wir könnten uns fortan zumindest den Babysitter sparen, denn sie sei nun alt genug, um auf sich und ihren Bruder Nick aufzupassen. Es sei dafür nur eine Aufwandsentschädigung in Höhe von fünf Euro zu zahlen. Sara war begeistert, ich zahlte, wir fuhren in die Stadt. Essen, Kino, Trinken.
Im Kino hatten wir keinen Handyempfang, was normal aber beunruhigend ist. Als wir den Saal zwei Stunden später verließen, hatte Sara vier neue Sprachnachrichten in der Mailbox.
Nachricht eins, zwanzig Uhr elf: „Ja, hallo Mama, hier ist Nick. Wo seid ihr? Bitte ruft mich ganz schnell an. Carla ist eine blöde Kuh und sie hat gesagt, dass sie der Boss ist. Sie ist nicht der Boss. Du bist der Boss. Ich will Milchreis. Wenn Carla keinen macht, mach’ ich den selber. Sagst Du Ihr das? Danke.“
Aha. Sara ist bei uns der Boss. Das war die eine Info. Die andere lautete: Unsere Kinder planten die Zubereitung glühend heißer Desserts. Man kann sich damit verbrühen. Man kann den Herd ruinieren. Ich geriet in gelinde Aufregung.
Sara spielte Nachricht Nummer zwei von 21 Uhr 24 ab: „Hi, hier ist Carla. Sag’ mal, Mama, kannst Du mich mal zurückrufen? Wir finden den Grillanzünder nicht. Okay? Danke, Tschüssi.“
Waaas? Den Grillanzünder? Was wollten die mit dem Grillanzünder? Milchreis grillen? Vor meinem geistigen Auge lief mein Sohn als menschliche Fackel lachend durch den Garten. Sara ließ Nachricht Nummer drei von 21 Uhr 55 laufen: „Äh, hallo, wieso geht Ihr denn nicht dran? Also jedenfalls haben wir überlegt, dass wir heute draußen schlafen und da wollte ich nur sagen, dass wir die Matratzen in den Garten ans Lagerfeuer bringen.“ ANS LAGERFEUER?
Ich zog den Autoschlüssel aus der Hosentasche. Eigentlich wollten wir noch in diese Bar, in die wir viel zu selten kommen. Man trifft dort immer Leute, die man kennt und ihre Stimmen sind alle viel tiefer als die Stimmen, die man von zuhause kennt. Ich hatte mich darauf gefreut, aber die Situation erschien mir nun deutlich zu gefährlich. Sara spielte die letzte Nachricht ab, sie war eine Viertelstunde alt und lautete: „Hallo, ich noch mal. Schade, dass Ihr nicht drangeht. Ich wollte nur sagen, dass da jetzt noch so Typen gekommen sind, die sind zwar was älter, aber total lustig und wir sitzen alle gemeinsam am Feuer und die haben jetzt gefragt, ob sie mal bei uns auf die Toilette können. Da wollte ich fragen, ob das okay ist. Ist doch okay, oder? Die sind voll süß. Also bis.“ Da brach die Aufnahme ab.
Drei tausendstel Sekunden später saß ich im Auto. Die Kinder gingen nicht ans Telefon. 29 Minuten danach stand ich im Flur und hielt einen Zettel in der Hand: „Hahaha! Reingelegt. Gute Nacht. Carla und Nick.“ Darunter hatte Carla ein Herzchen gemalt. Dieses Herzchen!