Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Diätkenner … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 16.08.2010

176_Europa aus dem Kopf (3)

Dänemark, Estland, Spanien und die Slowakei

Dritter Teil unserer kleinen Sommerserie. Was fällt einem ganz spontan und in zwanzig Sekunden zu den Mitgliedsstaaten der EU ein?
In Dänemark zunächst dies: Da gibt es massenhaft durchgestrichene Os, relativ viele Heavy-Metal-Fans und ein hervorragendes Schulsystem. Die dänische Minderheit in Schleswig-Holstein hat durchgesetzt, dass es in einigen Orten des Bundeslandes für die dänischen Minderheitenkinder gilt. Und die sind jetzt besser in der Schule als die deutschen Mehrheitskinder. Die Dänen sind genau so beliebt wie die anderen Skandinavier. Sie wählen gerne sozialdemokratisch, essen Frischkäse und wären Insulaner, wenn es Deutschland nicht gäbe. Zu Dänemark gehört auch noch Grönland, aber dieser immense Landgewinn bedeutet in Wahrheit nichts als bloß Mühe und hohe Kosten. Die Dänen gewannen 1992 die Fußball-Europameisterschaft, zu der sie nachrückten, weil Jugoslawien nicht mehr antrat. Niemand hat die rot-weiß geschminkten Gesichter der dänischen Fans vergessen, die damals kein dänisches Lied sangen, sondern ein englisches, damit man sie versteht: „We are red, we are white, we are danish dynamite.“ Ein deutscher Fußballkommentator übersetzte: „Jetzt singen die dänischen Fans wieder ihr Lied: Wir sind rot, wir sind weiß, wir sind dänischer, ähh, ja. Jedenfalls singen sie wieder.“
Estland gehört zu den großen Gewinnern Europas. Das muss man sagen. Seit es die baltischen Staaten auf die europäische Landkarte geschafft haben, kam Estland einmal pro Jahr ganz groß raus, und zwar, wenn der „Eurovision Song Contest,“ veranstaltet wurde. Dann nämlich hielten alle neuen europäischen Länder fest zusammen. Das hat die alt gedienten Teilnehmer genervt, also wurde das Reglement für die Punktevergabe geändert. Diesmal war Estland nicht mehr dabei.
Immer teurer wird Spanien. Oder zumindest Mallorca. Das ist für viele Besucher aus Holland, England und Deutschland dasselbe. Die Mallorquiner, also die Spanier, mögen die Deutschen nicht besonders, akzeptieren aber fast überall Kreditkarten. Immerhin lieben sie ihr Königshaus, weil dessen Bewohner glamourös und freundlich auftreten sowie ihre sehr langen Mittagspausen. Spanier gelten als skrupellos, was die Ressourcen schädigende Bewässerung ihrer Orangen betrifft. Valencia besitzt eine sehr hübsche Markthalle. Im Norden bomben die Basken sich zur Unabhängigkeit. Alle spanischen Großstädte sind bezaubernd, man kann dort sehr gut einkaufen und ausgehen, also leben. Die Wahrnehmung Spaniens beschränkt sich allerdings völlig auf diese Großstädte. Der Rest stellt sich als rötlich bis ockerfarbene Wüstenei dar, in der alle paar Kilometer ein Sherry-Stier neben der Autobahn steht. Die Spanier haben gerade einen Epoche machenden Aufschwung mit eingebautem Abschwung hinter sich und sind stolz auf Ferran Adria, den besten Koch der Welt, der sein Restaurant gerade wegen des großen Erfolges geschlossen hat. Die Spanier, die sich keine Molekularküche leisten können, trinken Rioja und essen Paella, die in jedem Supermarkt als Dosenmahlzeit erhältlich ist. Paella-Büchsen sollten ungeöffnet als Wurfgeschosse verwendet werden, denn ihr Inhalt ist ungenießbar und kann mit der ballistischen Qualität der Dose nicht mithalten. Viele Spanier gehen zum Stierkampf und fast niemand schämt sich dafür. Aber das Schächten ist vermutlich auch hier verboten. Die möglicherweise berühmteste spanische Popgruppe „Gipsy Kings“ kommt aus Südfrankreich.
Slowakei heißt der etwas unglückliche zweite Teil von Tschechien. Zweiter Teil, weil beide Länder früher eins waren und Tschechoslowakei hießen. Da man von links nach rechts liest, ist Tschechien also der erste und die Slowakei der zweite etwas unglückliche Teil, weil er blöderweise auf der Europa abgewandten Seite liegt und damit etwas weit vom Schuss.
Nächste Woche: Frankreich, Polen, Ungarn und Luxemburg.