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Mein Leben als Mensch — Verfasst am 06.09.2010

179_Europa aus dem Kopf (6)

Finnland, Tschechien und die Niderlande

Teil sechs unserer kleinen Sommerserie. Was fällt einem ganz spontan in zwanzig Sekunden zu den Mitgliedsstaaten der EU ein?
Finnland ist zugleich das deprimierendste und das komischste Land der Erde. Seine Bewohner tanzen gerne Tango und gehen in die Sauna. Das hat damit zu tun, dass sie ungern viel Reden und das ist weder beim Tanzen noch beim Schwitzen angesagt. Paradoxerweise bauen die schweigsamen Skandinavier die meisten Mobiltelefone der Welt. Die Firma Nokia verkauft eine Million Handys. Jeden Tag. Jeder Finne besitzt mehrere Telefone zum hineinschweigen, eine schnelle Internetverbindung und große Zahnlücken. Der finnische Winter ist lang, die Selbstmordrate hoch und die meisten Namen enden mit –alla oder –amma. Oder –anen oder –onen. Oder -innen. Das Bildungssystem gilt als vorbildlich, die KSZE-Konferenz wurde in Helsinki abgehalten, allerdings weiß kein Mensch mehr, was die Abkürzung KSZE bedeutet. Manchmal trifft man in Finnland ein Rentier, das sich aus Schweden verirrt hat. Die Finnen glauben aber, alle Rentiere in Schweden seien eigentlich sich verlaufen habende finnische Rentiere.
Die Tschechen wohnen gleich neben uns in der Tschechischen Republik. Wir mögen die Tschechen, denn sie hatten einen Dichter als Staatspräsident. Man muss aber im Taxi aufpassen und den Fahrer bitten anzuhalten, wenn man auf dem Weg zum Bahnhof vier Mal am Hradschin vorbei gekommen ist. In Tschechien wird das beste Bier gebraut und das heißt nicht Budweiser oder Urquell, sondern: Gambrinus. Tschechien ist den meisten Deutschen durch Berichte in Spiegel-TV bekannt. Es geht in diesen Reportagen normalerweise um den Lastwagenstrich an der deutsch-tschechischen Grenze oder um Schlesiertreffen. Der Prager Frühling hat den Rest der Welt beeindruckt. Gleiches gilt für die vielen Topmodels, die das Land hervorbringt. In New York hing vor vielen Jahren ein Plakat, mit dem die US Open beworben wurden. Auf dem Plakat abgebildet waren die drei Tennisspieler Pat Cash, Ivan Lendl und John McEnroe. Darüber stand: „What Do you want: Cash, Czech or American Express?“
Nie, nie, nie steht auf Tomatenkisten aus Holland: „Tomaten aus der Niederlande.“ Immer steht „Holland“ drauf. Holland ist eine niederländische Provinz. Erwachsene Holländer grüßen mit orangefarbenen Fähnchen, wenn ihre Königin vorbei kommt. Erfolgreiche Exportgüter Hollands sind: Gouda, Tulpen, Cannabis und Showmaster. Die holländische Popmusik gilt als gnadenloser Feind des guten Geschmacks. Zu nennen sind hier: Golden Earring, Bots und Vader Abraham. Der populärste Holländer neben Rudi Carrell dürfte in Deutschland Herman van Veen sein, das Mensch gewordene Hollandrad. Holländisch ist sehr lustig. Fahrrad zum Beispiel heißt „Fits.“ Und Mofa heißt folgerichtig „Bromfits.“ Ähnlich wie die Schweizer werden die Holländer nicht recht ernst genommen, wenn sie Deutsch sprechen, was die meisten können, auch wenn sie es leugnen. Die Niederländer bauten früher ein Auto, das konnte so schnell rückwärts wie vorwärts fahren. In Domburg kann man schön Urlaub machen, allerdings immer unter den missbilligenden Blicken der Einheimischen. Wie in Österreich. Ich habe nichts gegen Holländer. Im Gegenteil. Ich habe sie früher oft besucht und immer etwas gekauft. Meistens so für zwanzig Mark. Angeblich sind die Holländer doch nicht so liberal, wie man bisher glaubte. Sie haben ein massives Problem mit Rechtsextremismus. Das ist den Holländern unangenehm. Sonst ist ihnen aber wenig peinlich. Die meisten von ihnen haben nicht mal Gardinen am Fenster. Nach einem Blick in die hell erleuchteten holländischen Stuben wünscht man ihnen mehr und dickere Gardinen. Der Spruch „Holland in Not“ erhält in den letzten Jahren eine neue Bedeutung, denn wenn der Klimawandel anhält, verschwindet das ganze Land nebst Coffee Shops und Frikandelfabriken in der Nordsee. Blub, Holland, blub!
Nächste Woche: Slowenien, Rumänien, Italien, Zypern und Deutschland