Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Hoteltester … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 20.09.2010

181_Alte Männer im Herbst

Da ist man mal ein paar Wochen weg, und bei der Rückkehr erkennt man sein kleines Land nicht wieder. Man verlässt urlaubsreif aber gutgelaunt eine prinzipiell geordnete Heimat und findet nach den Ferien ein Chaos vor. Es ist beinahe so, als habe jemand zuhause eingebrochen und alles durcheinander gebracht: In Stuttgart Trillerpfeifen gegen den Bahnhof, in Berlin Trillerpfeifen gegen den Sarrazin, in der Bundesliga Trillerpfeifen gegen den Ballack. Und dann ist da noch Wetterfee Jörg Kachelmann und sein Prozess. Er muss sich dabei wenigstens nicht mit Trillerpfeifen rumschlagen, sondern höchstens mit Alice Schwarzer, die in BILD vom Verfahren berichtet („Hat Kachelmann etwas zu verbergen?“).
Man bekommt jedenfalls den Eindruck, die Nachrichtenlage im beginnenden Herbst würde von irgendwie angeschlagenen Typen mittleren Alters dominiert, wobei zumindest der Direktor des Zirkus Sarrazini durchaus den Eindruck vermittelt, dass er gerne ausgepfiffen wird. Ich bin sicher, er hätte unheimlich gerne einen Abzug von jener gelungenen Portraitzeichnung, die Demonstranten immer hochhalten, wenn er irgendwo aus dem Auto steigt. Er würde das Bild, auf dem unterhalb seines Antlitzes noch „Halt’s Maul!“ steht, am liebsten einrahmen und zuhause aufhängen, denn Thilo Sarrazin weiß natürlich: Erst wer gemalt und auf der Straße hochgehalten wird, hat es im Leben wirklich zu etwas gebracht.
Insofern liegen noch Welten zwischen dem Vererbungswissenschaftler Sarrazin einerseits und Kachelmann sowie Ballack andererseits. Letztere werden den Sarrazin-Status wohl nicht mehr erreichen. Kachelmann nicht wegen drohender Unschuld und Ballack auch nicht wegen des drohenden Karriereendes. Zumindest kann der Fußballer für sich in Anspruch nehmen, ganz im Sarrazinschen Sinne deutsches Opfer eines gewalttätigen Übergriffes durch einen offenbar genetisch minderbemittelten Migrantensohn geworden zu sein. Hätte dieser Boateng sich aus einem rein deutschen Erbgut clever hervorgemendelt, wäre es niemals zu dieser für Ballack so unerquicklichen Weltmeisterschaft gekommen. Das wird man doch wohl noch sagen dürfen. Oder ist das einfach totaler Quatsch? Ist es? Ach so.
Ich komme gerade ein wenig durcheinander mit dem, was man sagen darf, seit Sarrazin die Verbreitung von seit Jahrzehnten als abwegig geltenden Thesen mitten während meines Urlaubs wieder hoffähig gemacht hat. Dabei drängt sich übrigens nach dem intensiven Studium sämtlicher in meiner Abwesenheit angelandeten Zeitungen und Zeitschriften eine kleine Frage auf. Wenn also Sarrazin zufolge die Intelligenz zu weiten Teilen erblich ist und wenn die Deutschen intelligenter sind als beispielsweise die Araber, warum fallen dann die Deutschen zu hunderttausenden auf Sarrazins Erbgutgeschwafel herein? Weil sie so furchtbar klug sind?
Egal. Michael Ballacks Schicksal rührt mich mehr als das von Thilo Sarrazin. Ballack bleibt aber wenigstens Kapitän. Aber nur, wenn er auch spielt. Auf diese winzige Einschränkung hat Joachim Löw hingewiesen. Wenn Ballack nicht spiele, dann sei er nicht Kapitän, was ihn von einem durchschnittlichen Lufthansa-Piloten unterscheidet, der immer, auch in seiner Freizeit oder wenn jemand anders fliegt, Kapitän bleibt.
Und nun noch ein wichtiger Vorschlag zum Kachelmann-Prozess: Der wegen möglicher Befangenheit bereits angegriffene Richter muss ausgewechselt werden, denn hier ist zweifelsfreies Urteilsvermögen gefragt, immerhin steht Aussage gegen Aussage und die Beweislage gibt einen schnellen Schuldspruch nicht her. Nach menschlichem Ermessen ist der Fall kaum zu entschieden. Daher muss ein garantiert parteiloser, ja interessenloser Walter des Schicksals ein Urteil sprechen. Und da gibt es doch einen! Er hat auch gerade gar nichts zu tun, ist seit Wochen arbeitslos. Es kommt für die Rechtsprechung in diesem uneindeutigen Fall also wirklich nur er in Frage und es wäre höchste Zeit, ihn in der Causa Kachelmann endlich zu Rate zu ziehen: Krake Paul.