Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Trompetenkäfer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 11.10.2010

184_Kein Bock aufs Book

Wieder mal Frankfurter Buchmesse. Die ist ein bisschen langweilig und wird überschätzt, besonders von Literaturkritikern und Verlegern und Autoren, die zwar eine winzige Minderheit unter den Fachbesuchern bilden, aber eine größere Wirkungs– und Meinungsmacht besitzen als die schwäbische Stadtbibliothekarin, die stundenlang eine schwere Tüte mit Programmen herumschleppt, Roger Willemsen von weitem gesehen hat und schließlich neben einer Rolltreppe auf einem unbequemen Sitz einpennt.
Das große Thema der Messe ist zum vierten Mal in Folge: Das E-Book, welches sich hierzulande noch nicht recht durchsetzt. Während die Amerikaner – die in den Augen deutscher Literaturkritiker, Verleger und Autoren jeden Quatsch kritiklos mitmachen – schon gerne elektronische Bücher kaufen, geben sich die Deutschen resistent. Das am häufigsten gehörte Argument gegen den E-Reader lautet, man könne so ein Gerät nicht gut in die Badewanne mitnehmen. Das kommt mir aber schon rein statistisch seltsam vor, denn es besitzt nicht jeder Bücherwurm auch eine Badewanne und selbst wenn es so wäre, könnte es sein, dass es auch unter Viellesern einige gibt, die lieber Duschen als Baden. Außerdem glaube ich nicht, dass so viele Leute ihre Bücher mit in die Wanne nehmen, weil man dort in Wahrheit gar nicht so gut lesen kann, wie immer behauptet wird: Man schrumpelt beim Lesen in etwa so wie Martin Walser beim Schreiben. Da lege ich mich doch lieber mit einem E-Book auf die Couch als mit dem Buch ins Schaumbad.
Der Deutsche möchte bisher keine E-Books, denn er ist ein Traditionalist und die Verlage sind darüber alles andere als bekümmert, weil sie eigentlich noch weniger Bock aufs Book haben als ihre Kunden, von den Buchhändlern ganz zu schweigen. Nicht einmal Sascha „Le Frisur“ Lobo verzichtet zugunsten einer ausschließlich elektronisch vertriebenen Version auf die Papierfassung seines Buches.
Um die widerspenstigen Leser für E-Books zu begeistern, werden diese zukünftig mit allerlei duften Zusätzen aufgepimpt. Das Kernöl in DJ Lobos Digitalbuch besteht in der Möglichkeit, mit dem Autor Kontakt aufzunehmen, was in Lobos Fall nicht unbedingt nötig erscheint, weil der ununterbrochen mit seinen Lesern Kontakt aufnimmt. Fast muss man befürchten, nicht sie würden ihm demnächst nach der Lektüre seines Buches Mails schreiben, sondern er Ihnen. Auch mein nächstes Buch erscheint als „Enhanced E-Book,“ es enthält als Sonderfunktion ein Daumenkino. Alles, was man benötigt, um es anzusehen, sind zwanzig iPads. Wenn Sie diese rasch mit dem rechten Daumen durchflippen, sehen Sie Thilo Sarrazin beim Bauchtanz.
Was wäre bloß, wenn sich E-Books auf breiter Front durchsetzen würden? Ein Alptraum, kein Zweifel. Dann könnte man zum Beispiel auf der Messe keine Bücher mehr klauen, weil nur noch Terminals aufgestellt würden, an denen Besucher durch den neuen Grass scrollen können. Überhaupt: Grass. Kann und möchte man sich vorstellen, wie unsere Großliteraten mit auf den Kopf geschobenen Brillen auf Podien sitzen, um aus ihrem neuen E-Book vorzulesen? Will man wirklich die vielen, vielen sehr alten Männern der deutschen Literaturkritik mit elektronischen Erstausgaben bemustern, die man nur lesen, aber weder schick ins Regal stellen noch zu Weihnachten verschenken kann? Ein gigantisches Amigonetzwerk risse auseinander, wenn die Verlage kein Papier mehr bedruckten. Eines Tages wird es soweit sein. Die nächste oder übernächste Generation wird mitleidlos hinwegfegen, was uns heute noch lieb und wertvoll ist. Anzeichen dafür gab es bereits im vergangenen Jahr. Ich spazierte am Stand vom WDR vorbei, wo man Kaffeetassen von der „Sendung mit der Maus“ und anderen Merchandising-Tand besichtigen konnte. Direkt gegenüber befand sich der Steidl-Verlag. Große Menschenansammlung, weil Günter Grass dort herum stand. Eine Mutter hielt ihren mutmaßlich sechs Jahre alten Sohn an der Hand und rief: „Jonathan, guck‘ mal, da ist Günter Grass.“ Und Jonathan antwortete: „Jaja, aber da ist Shaun, das Schaf!“