Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Nasszelle … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 18.10.2010

185_Hubschrauber

Habe gestern im Radio ein neues Wort gelernt: Helikoptereltern. Man nahm sich immerhin eine halbe Stunde Zeit, um das Phänomen der Helikoptereltern genau zu erläutern. Das sind also Erziehungsberechtigte, die ständig über und um ihre Kinder kreisen und sie niemals aus den Augen lassen. Es kamen in der Sendung die merkwürdigsten Ausprägungen dieser Flugtätigkeit zur Sprache. Es war von Müttern die Rede, die ihre Kinder auch dann noch in die Schule bringen, wenn diese schon fast vor der Hochschulreife stehen. Man sprach von Eltern, die ihre Kinder per GPS überwachen und sofort aus dem Haus stürzen, wenn die Kids sich außerhalb einer familiären Bannmeile bewegen. Es ging um Väter, die ihren Söhnen Sturzhelme aufsetzen, wenn es zum Fußballspielen geht oder in Klettergerüsten herumturnen, um ihre Tochter aufzufangen, wenn sie abstürzt, was nach Ansicht von Helikoptervätern ständig bevorsteht.
Das klingt alles absurd, ist aber wohl Alltag in der westlichen Welt. Helikoptereltern, so scheint es, trauen ihren Kindern gar nichts zu. Sie halten die Fährnisse des Lebens für unüberwindbar und vergessen dabei, dass sie selber mal klein waren und immerhin groß geworden sind. Tätigkeiten wie etwa im Wald herumstromern, Buden bauen, Knie zerschrammen und mit dem Gesicht in den Matsch fallen gelten unter Helikoptereltern nicht mehr als prägende Erfahrungen auf dem Weg ins Leben, sondern als katastrophal und traumatisch.
Ich hörte mir das alles an und stellte für mich fest, dass ich erstens kein Helikoptervater bin, glaube ich jedenfalls. Und zweitens meine ich einen Trend erkannt zu haben. Denn dieses Hubschraubergetue greift nicht nur bei Eltern um sich, sondern in unserer ganzen Gesellschaft. Aus Sicht unserer Bundesregierung könnte man klagen, dass man es bei den Deutschen mittlerweile mit Helikopterwählern zu tun hat.
Früher waren die Deutschen noch recht einfach zu regieren. Sechzehn gemütliche Jahre waltete der rheinland-pfälzische Aquarianer Helmut Kohl über eine im Laufe seiner Amtszeit größer werdende Anzahl von Untertanen und diese ließen sich das mehrheitlich gerne gefallen. Was die Bundesregierung bestimmte, wurde gemacht und kontroverse Diskussionen darüber führte im Wesentlichen eine schlecht gelaunte, aber innerparlamentarische Opposition. Es gab zwar auch Demonstrationen, etwa gegen die Volkszählung und den fälschungssicheren Personalausweis, doch derartige Proteste wurden von der Regierung mit Gleichmut ausgesessen. Das geht heute nicht mehr. Wegen der Helikopterwähler.
Die Helikopterwähler verfolgen grimmig alle Entscheidungen und Beschlüsse der Regierung, sie äußern sich ständig auf der Straße und im Internet und sie bringen die Politiker dazu, in defensiver Verzweiflung auf die staatliche Pflicht zur Durchsetzung von so genannten demokratisch legitimierten Entscheidungen hinzuweisen. Diese Erklärungen klingen besonders absurd, wenn man bedenkt, dass der von der aktuellen Bundesregierung aufgehobene Atomausstieg genau so demokratisch legitimiert war wie der angeblich unumkehrbare Bau des Stuttgarter Bahnhofs, aber egal. Wenn ich Politiker wäre, dann würde ich mich bitter darüber beklagen, dass die Helikopterwähler mit ihrem wankelmütigen Abstimmungsverhalten dauernd die Mehrheitsverhältnisse in Bundestag und Bundesrat verändern. Es macht überhaupt keinen Spaß, solche Leute zu regieren.
Aber ich kann die Ministerinnen und Minister trösten, denn der Trend des Helikopterwesens weitet sich gerade aus. Ich zum Beispiel leide unter Helikopterkindern. Ständig wollen sie wissen, was ich mache. Dauernd kritisieren sie meinen Hosengeschmack. Und gerade kam Helikoptercarla, 12, in mein Büro und zeigte auf den Aschenbecher. Sie monierte, dass ich über den Tag drei Zigaretten geraucht und zwei Tassen Espresso getrunken hätte. Zudem zähle sie sechs verknitterte und leere Pralinenpapierchen. Sport hätte ich ihres Wissens hingegen noch nicht getrieben. Carla ist in sechs Jahren wahlberechtigt. Da können sich die Parteien schon mal schön warm anziehen.