Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Yeti … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 25.10.2010

186_Lottoking

Zu den überraschend zahlreichen Dingen, die ich noch nie im Leben gemacht habe, gehört auch das Ausfüllen eines Lottoscheines. Das Gewinnspiel als Solches ist mir völlig unvertraut. Habe auch noch nie an einem Preisausschreiben teilgenommen oder gepokert. Das kam mir selber so weltfremd und unbeholfen vor, dass ich mich nicht traute, alleine in den Schreibwarenladen unseres Dorfes zu gehen, um inmitten der dort ständig versammelten Profispieler den Lottodealer zu fragen, wie man einen Tippschein ausfüllt. Ich wartete lieber auf den Besuch meines Schwiegervaters Antonio, der seit über vierzig Jahren Lotto spielt und sich in der Szene bestens auskennt. Unter dem Schutz seiner stark behaarten Fittiche betrat ich letzten Samstag das Geschäft, in dem es eine eigene Theke für das Ausfüllen der Gewinnscheine und davon wiederum etliche undurchschaubare Varianten gibt.
Antonio zog seinen Stift. Er spielt grundsätzlich mit seinem eigenen Kugelschreiber, niemals mit dem aus einer Lotto-Annahmestelle. „Und was soll ich jetzt machen?“ fragte ich, weil ich Angst hatte zu versagen. „Was kreuze ich jetzt an?“
„Istein Frag von Intuition unde mutige Entscheidung,“ dozierte mein Schwiegervater und verteilte in drei Zehntelsekunden sechs Kreuzchen im ersten Quadrat. Normalschein, Laufzeit zwei Wochen ohne Glücksspirale aber mit Super sechs und Spiel 77.
„Wenn ich etwas Falsches ankreuze, ist das Geld weg,“ jammerte ich. Antonio sah mich darauf ernst an, fasste mich an den Schultern und sprach: „Die Zahle, die Du anekreuzt, die sinde immer richtig. Die Zahle, die gezogene werde, sinde die Falsche.“ Dieser Satz ist ein typisches Beispiel für seine private Philosophie. Wenn er verliert, dann hatten die Anderen eben das Pech, nicht seine Zahlen gezogen zu haben.
Ich kreuzte vorsichtig zwei Zahlen an. Die 19 und die 33, worauf er mir meinen Schein wegnahm und in seiner Jackentasche verschwinden ließ. „Die diciannove istein dumme Salat-Zahl,“ sagte er. Wegen der vielen Menschen, die ihre Geburtsdaten tippten, komme man bei der 19 zu nichts, wenn man überhaupt damit gewönne. Ich lernte: Niemals Schnapszahlen wie die 33 ankreuzen, nie die 13, nie die 7, das sind Unglücks– und Glückszahlen, die werden nur von Anfängern getippt. Die Zahlen in den Vierzigern seien auch nicht gut, wegen der Geburtsjahrgänge der vielen spielenden Rentner. Ich spürte einen starken Leistungsdruck, schließlich verringerte jede Dumme-Salat-Zahl meine Aussicht auf leistungslosen Reichtum, also füllte Antonio mein erstes Spiel aus. Für das zweite Quadrat brauchte ich vier Minuten, im dritten kreuzte ich aufs Geratewohl an, was sich gut anfühlte.
Den Rest des Tages verbrachte ich damit, mir auszumalen, was ich mit meinem Millionengewinn anstellen würde. Das war noch anstrengender als die Ausfüllerei. Das viele Geld machte mich unfrei und verzagt, noch bevor ich es besaß. Wie viel soll man spenden, in Gold investieren, auf den Kopf hauen oder an Verwandte weiter geben? Zehn Prozent? Fünfzig? Ich dachte an Lotto-Lothar, der sich einen Lamborghini kaufte und trotzdem am Alkohol zugrunde ging. Mit der körperlichen und geistigen Energie, die Millionen deutsche Lottospieler jede Woche in derartige Gedanken investieren, könnte man den Strombedarf von Las Vegas decken.
Antonio und ich quälten uns durch den Abend, bis endlich die Lottozahlen von einer Drahtschiene aus der sich drehenden Glaskugel gegabelt wurden und gurgelnd in Reagenzgläser fielen. Ich konstatierte schließlich, dass ich in meinen drei Spielen insgesamt drei Richtige getippt hatte. Für drei Richtige in einem einzigen Spiel hätte es immerhin 9,70 gegeben. Toni war genau so leer ausgegangen wie ich, aber seine Enttäuschung war gering: „Bini Kummer gewohnt.“
Ich ging mit übler Laune ins Bett, die ich nicht gehabt hätte, wenn ich nicht gespielt hätte. Und die ich erst nicht gehabt hätte, wenn ich nicht auf Antonio gehört hätte. Die Gewinnzahlen von letztem Samstag lauteten: 8, 13, 19, 33, 45 und 47, Superzahl 7. Alles drin: Glücks– und Unglückszahlen, eine Schnapszahl, die 19 und zwei Vierziger. Danke Toni.