Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Schmutzschleuse … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 01.11.2010

187_Gedanken für die Nachwelt

Was wohl später mal auf meinem Grabstein stehen wird? Ich fragte mich das, weil mein Sohn mich das fragte. Nick kam ins Büro und setzte sich neben mich. Das macht er manchmal. Er darf nicht stören, hält dies aber nie lange aus. Meistens hackt er nach ein paar Minuten angestrengten Schweigens auf die Tastatur und ruft: „Da muss noch ein „k“ hin.“ Dann schmeiße ich ihn raus.
Diesmal störte er aber nicht. Er saß still da und wartete, bis ich einen Absatz fertig hatte. Dann fragte er: „Was soll auf Deinen Grabstein?“
„Wie bitte?“
„Wenn Du tot bist, müssen wir einen Grabstein kaufen und etwas drauf schreiben. Was soll denn da stehen?“ Ich fand gut, dass der Junge perspektivisch denkt. In der Regel fragt er allerdings, ob er mein Auto haben kann, wenn ich tot bin. Ich dachte einen Moment nach und sagte: „Es wäre gut, wenn mein Name draufstünde.“
„Okay,“ sagte er. Ich fragte ihn, wie er auf dieses Thema gekommen sei und er erzählte, dass sie in der Schule über Beerdigungen gesprochen hätten und darüber, dass jeder Grabstein anders sei und etwas über den Verstorbenen verriete. Häufig stünde deshalb ein Satz auf dem Grabstein und da habe er sich gefragt, was er für mich draufschreiben solle.
„Ich denke darüber nach und sage Dir rechtzeitig Bescheid,“ sagte ich. Dann hackte er ein „p“ in die Tastatur und ich warf ihn raus.
Doch der Gedanke ließ mich nicht los. Eigentlich kann mir ja egal sein, was da steht, aber es wäre nett, wenn meine Nachkommen keinen Blödsinn machten. Zu düster soll es sich aber auch nicht lesen. „Ende des Lebens, alles vergebens“ oder „Der Tod ist schwer, das Leben ist schwerer,“ sind schreckliche Sätze. Etwas lebensbejahender darf es schon sein. Immerhin winkt ja die Chance auf eine Wiedergeburt als Ministergattin oder Orakelkrake. Um sicher zu gehen, dass der Stein textmäßig nicht zu schwer wird, lohnt sich ein klärendes Vorgespräch.
Von vielen zeitgeschichtlich bedeutenden Personen sind Grabsteinwünsche bekannt. Der Hollywoodstar Clark Gable soll angeblich auf folgenden Spruch bestanden haben: „Zurück zum Stummfilm.“ Allerdings wurde diesem Ansinnen nicht entsprochen, man hat Clark Gable im Familienkreis wohl nicht ernst genommen. Genauso wenig wie WC Fields. Der wünschte sich für seinen Grabstein vergeblich den Satz: „Hier liegt WC Fields. Ich würde lieber in Philadelphia leben.“
Dabei erscheint es mir durchaus sinnvoll, wenn prägende Worte eines Menschen auf dem Grabstein stehen, damit man sich seiner anhand des Spruches liebend erinnern kann. In dieser Hinsicht leistet RTL Pionierarbeit für seine Moderatoren. Diese erkennt man mühelos anhand ihrer unermüdlich wiederkehrenden Phrasen. Der Restauranttester Christian Rach bezaubert mich immer wieder bereits im Vorspann mit folgender hingetupfter Sentenz: „Teriyaki Rinderfilet mit gegrillter Wassermelone auf Trüffel.“ Das wäre doch ein schöner Satz für seinen Grabstein. Bei Tine Wittler, dem blonden Todesengel der Innenarchitektur von „Einsatz in vier Wänden“ enthält praktisch jede Ausgabe die Formulierung: „In ihrer neuen Wellnessoase kann die vierfache Mutter endlich mal richtig die Seele baumeln lassen.“ Das ist jetzt natürlich ein bisschen lang zum Meißeln und vielleicht ist Tine Wittler gar keine Mutter. Aber es klingt sehr authentisch. Etwas kürzer aber umso poetischer nimmt sich der identitätsstiftende Spruch für Inka Bauses Stein aus: „In Mittelfranken wartet der charmante Schweinebauer Harald auf Post.“
Was wird also später auf meinem Grabstein stehen? Wenn es danach geht, mit welchen typischen Worten ich meiner Familie ewig in Erinnerung bleibe, kann es nur einen Satz geben, der sich auf einem Grabstein auch gut machen würde: „Jetzt mach doch endlich mal einer die Tür zu, Himmelarsch!“