Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Schmutzschleuse … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 15.11.2010

189_Bohr. Schleif. Säg

Zu Recherchezwecken für diese Kolumne lasse ich mich manchmal vormittags in Elektronik-Fachmärkten treiben. Womöglich bin ich süchtig nach Elektrosmog, denn ich mag diese fensterlosen Hallen, den grauen Filzboden und ich liebe es, den Verkäufern auf ihrer Flucht vor der Kundschaft zuzuschauen. Andere gehen in ein großes Aquarium, ich gehe in Elektronik-Märkte. Die Verkäufer schwimmen durch die Gänge wie Zwergwelse, immer einen ganzen Schwarm von Kundenfischen magnetisch hinter sich her ziehend. Manche der Kundenfische halten etwas in der Hand, leere Druckerpatronen zum Beispiel, oder eine DVD, von der sie nicht wissen, ob die darauf enthaltenen Extras Untertitel haben. Oder Staubsaugerbeutel oder Mehrfachstecker mit Schalter.
Wenn ich gute Laune habe, renne ich mit und warte ab, ob es uns als Schwarm gelingt, den Verkäufer so weit zu entkräften, dass er in den Personalraum flüchtet und sich dort versteckt. Wenn das nicht klappt, bin ich irgendwann an der Reihe und verwandle mich in einen Top-Kunden, in dem man gut und gerne zehn Minuten des in einer Sonderschulung angelernten TV-Technik-Wissens investieren kann. Ich frage, warum ein dünnes HDMI-Kabel eigentlich besser ist als ein dickes Scart-Kabel. Oder ich lasse mir Espressomaschinen vorführen, obwohl ich genau weiß, dass ich mir eher in den Fuß schießen würde als eine Maschine für Kaffeepulvertabletten zu kaufen.
Wenn ich so durch die Abteilungen wandere und mir Waschmaschinen mit ungeheurer Energieeffizienz oder Kabelschläuche oder Mikrowellen mit 5000 Watt Leistung ansehe, empfinde ich eine tiefe Zuneigung zu allen anderen Kunden, denn ich denke immer, da sind bestimmt welche wie ich darunter. Man ist unter Gleichgesinnten. Elektronik-Märkte sind die Museen der zweiten Moderne.
Ebenfalls gerne, aber nicht ganz so gerne besuche ich Autohäuser, denn dort kann es einem schnell passieren, dass man tatsächlich für jemand gehalten wird, der ein Auto kaufen will. Einmal wurde ich bei Renault angesprochen und gefragt, für welches Modell ich mich interessierte. Es fiel mir schwer, dem Mann zu erklären, dass ich mich überhaupt nicht für eines seiner Autos interessierte, sondern nur für deren Inszenierung.
Lieber bin ich nebenan im Baumarkt, denn dort muss man sich nicht erklären, dort kann man einfach sein und durch die Installationsabteilung streifen. Wie heute Mittag. Nicht, dass ich dort irgendwas gebraucht hätte, aber es gibt dort so schöne Begriffe zu lesen. Steckmuffe. Steck-Schiebemuffe. Steckwinkel und vor allem Steck-Übergang-Nippel, worunter man sich wer weiß was vorstellen könnte, wenn der Steck-Übergang-Nippel nicht direkt darüber in einem Karton läge. Schöner klingt nur die Doppel-Klapprosette.
Ich hatte, um meinem Besuch den Anstrich der Notwendigkeit zu geben, ein Brett dabei, dass ich in der Sägestation kürzen lassen wollte, weil ich zuhause weder über eine geeignete Säge noch über eine ruhige Hand verfüge. Ich ließ 13,6 Zentimeter absägen. 13,5 Zentimeter hätten es auch getan, aber ich wollte dem Sägemann eine Gelegenheit zur Prononcierung seiner Kunst verschaffen.
Mit dem Brett ging ich zu den Kleintierkäfigen. Die heißen im Fachdeutsch „Nagerheime“ und verfügen über zum Teil kolossale Einbauten, die aussehen, als ob der berühmte James-Bond-Architekt Ken Adam sie entworfen hätte. Dann stromerte ich in bewährter Manier zu den Maschinen. Bohr. Schleif. Säg. Fräs. Hobel. Ich stand erst vor den Schwingexzentermultibandschleifern und dachte dann über den Erwerb eines Fräsständers nach, und zwar nur des grandiosen Wortes „Fräsständer“ wegen. Wer kann von sich schon behaupten, einen Fräsständer sein eigen zu nennen.
Ich kaufte nichts. Später fragte Sara, wo ich gewesen sei. „Auf Recherche,“ sagte ich. Sie fand, das sei nur eine Ausrede dafür, seine Zeit zu verplempern. Aber das stimmt nicht. Morgen gehe ich mit Nick noch mal hin. Seine Zwerghamsterin braucht ein neues Nagerheim.
Fortsetzung nächste Woche.