Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Halwe Hahn … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 22.11.2010

190_Ein Heim für Gimli

Für Gimli wird es eng, findet Nick. Gimli ist seine kasachische Zwerghamsterin. Ich würde sagen, für sie ist es überall eng, denn sie ist stark übergewichtig. War sie immer schon und bleibt sie auch, obwohl unser Sohn seine Anvertraute mit einem überaus straffen Sportprogramm fit hält. Er ist der Magath der Hamsterbesitzer. Nicht nur, dass Gimli täglich im Laufrad mehrere hundert Runden dreht, sie turnt auch am Gitter ihres Käfiges herum und macht Purzelbäume, indem sie vom Dach ihres Häuschens fällt. Trotzdem will sie irgendwie nicht abnehmen. Dies veranlasste Nick zu dem Befund, dass nicht sie zu dick für ihren Hamsterkäfig sei, sondern der Käfig zu klein für Gimli. Sie brauche mehr Auslauf, meinte er.
Also fuhren wir gemeinsam zum örtlichen Bau– und Gartencenter. Wir wollten Gimli aus dem sozialen Wohnungsbau rausholen und in einen Palast umziehen lassen, irgendwie Cindy-aus-Marzahn-mäßig, nur ohne Perücke.
Man sagt übrigens nicht mehr Hamsterkäfig, genau so wenig wie man noch Nudel sagt oder Sprudel. Sprudel ist Wasser mit Gas, Nudel ist Pasta und Hamsterkäfig heißt im Sprachgebrauch der Kleintierindustrie jetzt Nagerheim. Das klingt sehr nach Schwäbisch Hall, finde ich. Wir fuhren jedenfalls in das örtliche Bau– und Gartencenter und steuerten direkt auf die Nagetierabteilung zu. Das erste schon von weitem sichtbare Nagerheim gefiel Nick sehr und war so groß, dass er bequem selber darin hätte einziehen können. Er wollte es unbedingt haben. Das Modell hieß „Nagerheim Hoppel.“
„Nick, wir werden Gimli in diesem Ding niemals wieder finden. Wir werden nicht einmal merken, wenn sie in den Hamsterhimmel geht,“ mahnte ich.
„Geht sie ja nicht,“ gab er bestimmt zurück und darüber wollte ich nicht diskutieren, das hätte zu weit geführt. Das Argument, dass „Hoppel“ mehr auf Kaninchen und Hasen gemünzt sei, überzeugte ihn immerhin. Er lenkte seine Aufmerksamkeit auf das „Nagerheim Toscana,“ ein aprikosenfarbenes Machwerk mit kleinen Säulen und mehreren Terrassen. Ich sagte nein, denn Gimli soll nicht wohnen wie Bauherren in Brandenburg.
Nick schwenkte auf das „Nagerheim Bonanza“ um, danach auf „Celeste,“ aber ich konnte ihn davon überzeugen, dass er vom ständigen Ansehen dieses scheußlichen rosa Plastikhäuschens wahrscheinlich erst Alpträume und mit der Zeit eine posttraumatische Belastungsstörung bekommen würde. Von Gimli ganz zu schweigen. Hamsterkäfige sollten freundlich aussehen, aber nicht viel farbenfroher als das restliche Leben eines Achtjährigen. Nachdem wir einen Verkäufer verschlissen hatten, der sich in die Mittagspause absetzte und nicht zurückkehrte, entschieden wir uns für das recht funktionale und farblich unauffällige Modell „Alexander,“ in welchem man mehrere Ebenen einziehen kann, sodass Gimli abwechslungsreich wohnt, aber davon nicht überfordert wird.
Bei der Einrichtung erlahmte Nicks Interesse, er wanderte in die Fisch-Abteilung ab, wo er ein Spongebob-Aquarium entdeckte, das ihm beinahe den Atem raubte. Ob Gimli nicht darin wohnen könnte, fragte er bebenden Herzens. Ich zeigte ihm einen Vogel, denn Hamster können meines Wissens nicht tauchen. Nein, auch nicht, wenn man ihnen einen langen Strohhalm zum Atmen gibt. Nein und abermals nein.
„Dann eben ohne Wasser,“ bettelte Nick, aber ich finde Hamster gehören in Nagerheime und nicht in Fischheime. Wir einigten uns nach einer quälenden Diskussion auf einen Kompromiss und erwarben das Nagerheim „Alexander“ mit der Spongebob-Möblierung des Aquariums. In Gimlis neuem Wohnkomplex hängt also ein Wasserfilter, neben dem Hamsterrad steht eine kleine Palme. Darunter sitzen der Seestern Patrick und sein Freund Spongebob. Gimli besitzt eine Ananas zum durchschwimmen, eine Schatztruhe für ihr Futter und kann sich in die Nachbildung eines Motorbootes setzen. Sie schläft in einem großen vermoosten Totenkopf aus Plastik, den sie mit Heu und Streu voll gestopft hat. Bisher wissen wir nicht, ob sie sich wohl fühlt, wir haben sie seit Tagen nicht mehr gesehen. Ich glaube, sie traut sich nicht raus. Oder sie ist in den Hamsterhimmel gegangen.