Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Babbo … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 28.11.2010

191_Pixelwelt

Gehe heute Morgen brav spazieren und stelle nach wenigen Metern fest, dass sämtliche Häuser in unserer Nachbarschaft über Nacht verpixelt wurden. Alle: Weg! Nur noch ein milchiger Schein ist zu sehen, dahinter lassen sich Fassaden und nackte Nachbarn nur mehr erahnen. Jetzt leben sie hinter satiniertem Glas, und zwar alle. Jemand muss bei Google Street View den Antrag gestellt haben, unser komplettes Dorf zu verpixeln, aber wer? Vielleicht Gott in seiner milden Güte, weil er nicht wollte, dass Neid und Missgunst aufkommen, wo nackte Hausfrauenleiber lasziv in einsehbaren Einbauküchen herumlungern. Oder man hat sich zusammengetan, im Rathaus beraten und dann in einer konzertierten Protestaktion Anträge gestellt. Mir hat niemand etwas davon gesagt. Und da kommt eine finstere Ahnung auf. Ich drehe mich um, sehe zu unserem Häuslein herüber und Tatsache: Weg. Völlig Verpixelt. Meine Frau fragt mich, was eigentlich mit mir los sei, ich sage: „Alles verpixelt, alles.“ Darauf sie: „Das ist doch bloß Nebel.“
Nebel, so doziert sie, komme im November schon einmal vor, besonders morgens und das sei ja wohl hinnehmbar. Hinnehmbar. Das ist so ein richtiges Stuttgart-21-Wort. Hinnehmbar beschreibt die in der bürgerlichen Gesellschaft schmaler werdende Grenze zwischen scheißegal und unerhört. Aktuelles Sportstudio um 23 Uhr? Hinnehmbar. Benehmen von Finanzminister Schäuble? Absolut nicht hinnehmbar! Es ist schon erstaunlich, dass viele Angehörige des modernen bürgerlichen Protestlagers zwar mit Abscheu darauf reagieren, wie Schäuble diesen armen Offer schurigelte, aber nicht unbedingt etwas gegen die von Schäuble ehedem vorangetriebene Vorratsdatenspeicherung haben. Diese halten gerade in diesen unruhigen Zeiten immer mehr Leute für was? Ja: Hinnehmbar.
Überhaupt nicht hinnehmbar hingegen finden Viele die Abbildung ihres Heimes im Internet, wobei ich glaube, dass manche Verpixelungsantragsteller nur deshalb Anträge auf Verpixelung stellen, weil sie sehen wollen, wie ein Konzern vor ihnen in die Knie geht. Bedauerlicherweise sehen die Hamburger Stadtteile Harvestehude und Eppendorf nach der Verpixelung halber Straßenzüge aus wie die Umkleidekabinen von C&A.
Und nun ist auch noch Rügen kaputt. Das waren ganz sicher auch diese miesen kulturimperialistischen Typen von Google Street View. Es stand zwar in der Zeitung, der Abbruch eines 10000 Kubikmeter großen Stückes Kreide von der Steilküste der Ostseeinsel habe natürliche Ursachen gehabt, aber das soll glauben, wer will. Ich glaube eher, da hat jemand einen Antrag auf Verpixelung des Kollicker Ufers gestellt. Und beim Unkenntlichmachen des inkriminierten Steilstücks ist etwas davon abgebrochen und achtzig Meter in die Tiefe gesaust.
Aber nicht nur Google pixelt. Es stand zu lesen, dass Boxsportler ein höheres Risiko haben, an Demenz zu erkranken. So gesehen kann man durchaus zu Recht behaupten, Vitali Klitschko habe zuletzt dem US-Boxer Shannon Briggs ordentlich Gesicht und Gemüt verpixelt, ihn also zumindest vorübergehend milchig und trüb gehauen.
Ich glaube, „verpixelt“ hat das Zeug, zum Wort oder wenigstens Unwort des Jahres zu werden. Auch bei uns zuhause setzt sich der Begriff als Synonym für „ausradiert“ oder „verschwunden“ allmählich durch, führt allerdings bisweilen noch zu Missverständnissen, die dem pubertär schwachen Hörsinn unserer Tochter geschuldet sind. Ich sagte gestern Abend gegen 22 Uhr zu ihr, sie möge ins Bett gehen, sich also langsam aber sicher mal verpixeln und sie verstand, ich hätte mir gewünscht, sie möge langsam aber sicher mal verpickeln. Da war sie sauer. Und meine Frau wenig später auch. Sie fragte mich, wo eigentlich die belgischen Pralinen hin verschwunden seien, sie würde sie nicht mehr finden. Ich entgegnete, dass es sein könne, dass ich sie habe verschwinden lassen, dass ich die Pralinen für alle Zeiten unsichtbar oder vielmehr verpixelt habe.
Und heute Morgen war dann auch noch unser Haus weg. Sie ist schon gespenstisch und fremd, die Gegenwart.