Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Kapselheber … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 06.12.2010

192_Aufklärung

Pünktlich zu Beginn der Adventszeit überraschte uns unser Sohn Nick mit profunden Kenntnissen zum Thema Sexualität. Wir saßen im Auto und fuhren auf Nicks dringende Bitte zu einem Weihnachtsmarkt. Das muss ich nicht unbedingt haben. Diese Dinger sehen überall in Deutschland gleich aus und es gibt überall dasselbe, außer in Hagen. Dort habe ich mal einen HotDog bestellt und dieser wird am Tor des Sauerlands vor der Überreichung traditionell frittiert. Das habe ich wirklich sonst nirgends erlebt. Aber ansonsten gleichen sich Weihnachtsmärkte sehr zuverlässig, egal ob man in Wiesbaden oder in Erfurt oder in Erkelenz darüber geht. Das ist sehr beruhigend. Was wäre wohl los, wenn man wüsste, dass der Weihnachtsmarkt in Karlsruhe viel schöner wäre als anderswo. Das wäre einem ja auch nicht Recht, es sei denn, man lebte in Karlsruhe
Was wollte ich noch einmal erzählen? Ach ja, Nick und dieses Sex-Thema. Die Sache begann so, dass Tochter Carla, 12, auf dem Rücksitz Halbstarkes von sich gab, was sie sich vermutlich in der Schulpause irgendwo abgelauscht hatte. Sie behauptete, ihr Kaugummi kaue sich wie’n Präser. Darauf Nick voller Begeisterung: „Was ist denn ein Präser? Kann ich auch’n Präser haben?“
„Du weißt doch nicht mal, was’n Präser ist. Und wenn Du’s wüsstest, würdest Du nicht drauf rumkauen wollen,“ entgegnete Carla altklug.
„Vielleicht ist der Nikolaus ja auch da“ rief ich vorlaut und fing mir damit das genervte Seufzen meiner Tochter ein. Ich mag es, wenn wir auf der Fahrt zum Weihnachtsmarkt über naheliegende Themen reden wie Alkoholismus oder Verfettung. Oder Nikolaus.
Es herrschte kurz Ruhe und dann fragte Nick: „Was ist denn jetzt ein Präser?“
„Ein Kondom,“ sagte Carla, um das Thema abzuschließen.
„Ach soooo,“ antwortete Nick. „Ein Kondom. Hättest Du ja gleich sagen können, dann wissen alle, was gemeint ist.“
Ich war ziemlich erstaunt darüber, dass Nick zu wissen behauptete, was gemeint war und fragte ihn, wie er zu seinen Kondom-Kenntnissen gelangt sei. Er antwortete, sie hätten darüber im Unterricht gesprochen. In der zweiten Klasse finde ich das recht früh, aber ich finde auch, das Bundespräsidentenamt kam für Christian Wulff recht früh. Egal.
„Und was ist ein Kondom genau?“ fragte ich, obwohl Sara mir aufs Bein haute. Nick setzte sich in seinem Kindersitz aufrecht und spulte ab, was er gelernt hatte. „Ein Kondom ist so ein Gummiding und der Mann macht es über seinen Schnipi und dann kann der Kern nicht rein.“
„Nicht der Kern. Der Samen, Du Blödmann,“ sagte Carla genervt.
„Was denn für ein Samen?“
Auf dem Weihnachtsmarkt trafen wir Ulrich Dattelmann. Ich habe verschiedentlich von ihm erzählt. Seine Tochter geht in Nicks Klasse. Dattelmann ist Elternsprecher und er organisiert Wandertage, auf denen er sich mit der Gitarre begleitet. Er ist der Chef aller Eltern und meistens ist er empört. Nun stand er vor dem Glühweinstand und dozierte über das Unwesen der Kommerzialisierung des Weihnachtsfestes. „Es ist empörend, wie die Geburt von Jesus Christus auf diesen Märkten prostituiert wird,“ rief er.
„Was ist prostiert?“ fragte Nick.
Sara erklärte ihm, was prostituiert bedeutet und dass es auch Prostituierte gibt.
„Aber davon verstehst Du noch Nichts,“ sagte Carla als verstünde sie etwas davon.
„Ich weiß, was eine Prostierte ist,“ rief Nick und Dattelmann sah mich an, als sei ich ein Auto von Google Street View.
„Weißt Du nicht,“ sagte Carla.
„Weiß ich wohl! Die knutscht rum. Und vorher schnallt sie sich hier was ab und da was ab.“
Sara hat dann vor Lachen ihren kompletten Glühwein über Dattelmanns Jacke geschüttet. Die muss jetzt in die Reinigung. Aber das war’s wert. Und Nick hatte es nicht übel erklärt. Im Kern richtig, sozusagen.