Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Unterwäschemodel … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 20.12.2010

194-Seifenlösungen

Bei uns in der Dusche steht jetzt eine Duschcreme, die ich dort nicht hinein gestellt habe. Sie riecht etwas penetrant nach Kokos und auf der Pulle steht allen Ernstes: „Mit wertvollem Pflege-Öl und inspirierendem Duft.“ Ich stand vorhin mehrere Minuten in der Dusche und schnüffelte an der Flasche, aber sie inspirierte mich keineswegs im erhofften Ausmaß. Tatsächlich hatte ich nach dem Duschen lediglich Lust auf Kokosmakronen. Aber das muss nicht an der Creme liegen, es kann auch mit der Jahreszeit zu tun haben. Kokosmakronen werden ab November quasi im Akkord bei uns hergestellt und verzehrt.
Die inspirierende Duschcreme habe ich auch probiert und ein Tröpflein davon getrunken, aber sie roch zwar nach Kokos, schmeckte aber nach Cremeseife. In diesem Zusammenhang wollte ich mal fragen, warum es fast nur noch flüssige Seife gibt. Eckige Seifenstücke, wie man sie aus älteren Gefängnisfilmen kennt, in denen sich der Held unter der Dusche niemals nach der Seife bücken darf, sind aus den Haushalten und Gefängnissen verschwunden. Und in Gefängnisfilmen gibt es praktisch keine Duschszenen mehr, denn nach flüssiger Seife muss sich niemand bücken und die damit verbundene Gefahr ist denn auch gebannt.
Ich mag harte Seife mit einem elegant eingeprägten Logo gern. Man kann sie im Gebrauch allmählich runden und sieht daran wie die Zeit vergeht. Wie bei mir. Ich runde mich auch allmählich, besonders in der Vorweihnachtszeit und auch daran sieht man wie die Zeit vergeht. Neulich traf ich einen Freund, der mich „Mopsi“ nannte wegen der ganzen Kokosmakronen. Er selbst hat keine Figurprobleme, aber scheußliche Krampfadern. Könnte man diskutieren. Was ist abtörnender? Bisschen Übergewicht im Dezember oder ganzjährig Adern wie Regenwürmer am Bein?
Apropos abtörnend. Richtig eklig wird es, wenn Firmen ihre Kunden anreden, als seien diese Ingenieure auf der Kommandobrücke vom Raumschiff Enterprise. In einer Werbeanzeige von Acer und Microsoft vereinen sich Lifestyle-Gefasel und Bedienungsanleitungston zu unflottem Geschwafel: „Der kompakte Media-Center PC Acer REVO RL 100 kann durch die innovative Software-Lösung Clear.fi spielend leicht auf alle Multimedia-Inhalte kompatibler Geräte im Heimnetzwerk in Full HD Qualität zugreifen.“ So klingt es, wenn uncoole Technokraten charmant rüberkommen wollen. Man wünschte den Damen und Herren aus der Werbeabteilung eine Nase Kokoscremedusche, vielleicht würde sie das ja davon abhalten, so weiter zu texten: „Darüber hinaus besitzt der neue Acer REVO RL 100 eine intuitiv zu bedienende Touch-Fernbedienung, einen integrierten Hybrid TV-Tuner sowie ein optionales Blu-ray Laufwerk.“ Soso, die Fernbedienung ist also intuitiv zu bedienen. Man tastet sich sozusagen an Ergebnisse heran. Hey, Leute, aus dem Alter des vorsichtigen Tastens bin ich echt raus. Und das Blu-ray Laufwerk, dass dieser Computer besitzt, ist optional. Was für eine entsetzliche Sprache. Und falsch ist der Satz auch noch. Entweder der Computer verfügt über ein Laufwerk oder nicht, aber optional kann man nichts besitzen.
Man muss sich bloß mal vorstellen, die Menschen würden zuhause so reden wie die Leute von dieser Computerbude. Beim Frühstück zum Beispiel: „Ich könnte Dir optional Marmelade mit integrierten Früchten reichen.“
„Sehr gerne. Besitzt diese optional Erdbeeren?“
„Nein, aber sie beinhaltet innovative Kirsch-Lösungen und sie ist Butterkompatibel.“
„Na, dann werde ich mal intuitiv darauf zugreifen.“
„Sag’ mal, hast Du mit der inspirierenden Kakaobutter & Cocosöl Duschcreme geduscht?“
„Ja, inspiriert Dich das?“
„Und wie. Ich würde dich gerne nach dem Frühstück intuitiv bedienen.“
„Du meinst ein Bett-Sharing? Am frühen Morgen?“
„Ich bin dafür kompatibel.“
Ist das wirklich die Welt, in der wir leben wollen? Und dann auch noch ohne Seifenstücke? Na, ich weiß nicht.