Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Buntbarschboy … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 27.12.2010

195_Trauer an Weihnachten

Sie hatte ein schönes Leben. Gimli. Die adipöse Hamsterin unseres Sohnes Nick ist nicht mehr. Nick holte sie heute Morgen leblos aus ihrem Haus, um ihr einen guten Morgen zu wünschen. Das machte er jeden Tag. Er nahm sie dann mit zum Zähneputzen und setzte sie in eine Seifenschale, wo sie ihm bibbernd, aber neugierig bei der Morgentoilette zusah. Nick hielt Ihr dann häufiger Kurzvorträge über Zahnpflege. Einmal hat er auch versucht, ihre Vorderzähne zu putzen, aber das gefiel ihr nicht. Mag sein, dass ihr die Ausflüge ins Bad nicht recht passten, aber sie waren nicht die Ursache für ihre Erkrankung.
Seit Wochen hatte Gimli eine entzündete Stelle am Bauch. Wir gingen zur Tierärztin und diese gab uns eine Spritze mit, aus der wir die winzige Wunde des winzigen Tieres mit einer Creme versorgten. Die Wunde schloss sich, dann brach sie wieder auf und in den letzten Tagen verklebten Gimlis Augen. Sie fraß nichts mehr, nahm rapide ab, bekam ganz struppiges Fell. Wir spritzten ihr einen Brei in den Mund. Und Nick saß weinend vor ihrem Käfig, hilflos und in grenzenloser Sorge. Schlimm war das. Ich dachte an einen Song von Rocko Schamoni, wo er singt „Leben heißt sterben lernen.“ Alle Erwachsenen sagen solche Sätze. Kinder begreifen, was der Tod ist, wenn ihre Haustiere ins Gras beißen. Sagt man. Aber ich fürchte, die meisten Menschen, die so etwas sagen, haben keinen kleinen Jungen, der ein totes Nagetier in den Händen hält und ständig fragt: „Warum? Warum? Warum?“
Er kam mit Gimli ins Schlafzimmer, was ich eigentlich nicht mag, aber das Risiko, dass sie unter die Bettdecke flüchtete oder mir in die Nase biss, war gering, denn sie bewegte sich überhaupt nicht. „Die ist hin“, sagte ich mit Kennerblick. Ich habe zwar nicht viel Erfahrung mit dem Tod, aber der Befund schien mir nicht abwegig, zumal Sara dasselbe sagte, worauf Nick in Tränen ausbrach und Gimli auf mein Kopfkissen fallen ließ, gleich neben mein rechtes Ohr.
Ich versuchte ihn zu trösten und sagte, dass wir einen neuen Hamster kaufen könnten. Keiner würde so sein wie Gimli, schluchzte Nick. Und da hat er wohl Recht. Gimli war ganz besonders. Sie hat in ihrem einjährigen Leben an der Seite unseres Sohnes viel mitgemacht und sich niemals beschwert. Nicht einmal, als Nick ihr Fallschirmspringen beibringen wollte. Er begann mit leichten Tandemsprüngen vom Apfelbaum, die sie in seiner Hemdtasche und zumindest äußerlich unerschüttert überstand. Dann baute er ihr aus Kordel und einem Handtuch einen Fallschirm und band diesen um ihren Körper. Ich konnte ihn gerade noch daran hindern, Gimli aus dem ersten Stock fallen zu lassen. Aber selbst das hätte Gimli womöglich überlebt, wie sie die Begegnung mit einer Katze aus der Nachbarschaft überlebte. Nick hatte seiner Hamsterin einen Beachclub in einem Schuhkarton gebastelt und diesen in den Garten gestellt. Dann ging er ein Eis essen. Als er zurückkehrte, fand er die Nachbarskatze fauchend an der Schachtel vor. Er gab ihr einen Tritt in den Hintern und barg die verängstigte Gimli aus einem Haufen Stroh, in dem sie sich vor der Katze versteckte. Gimli überstand eine Discoparty, die Nick an ihrem Geburtstag veranstaltete und den Versuch von Nick, sie im Gemüsefach des Kühlschranks frisch zu halten.
So etwas Ähnliches plante ich nun auch. Die Bestattung Gimlis muss nämlich bis zum Frühjahr warten; der Boden im Garten ist gefroren. Ich erklärte Nick also, dass wir Gimli bis Ostern oder so einfrieren und dann auftauen würden, um sie ordentlich und ehrenvoll zu begraben. Er nickte und brachte Gimli in ihren Käfig zurück, um noch für einige Minuten etwas von ihr zu haben. Ich suchte in der Küche nach einem Gefrierbeutel, um Gimli neben Hähnchenschenkeln und Rindergulasch zwischenlagern zu können. Dann hörte ich Nick rufen, nein brüllen. „Gimli lebt,“ schrie er.
Ich stolperte nach oben und es ist wahr, ein Wunder ist geschehen. Gimli sieht uns aus kleinen schwarzen Äuglein an und bewegt ihre Barthaare. Sie lebt! Wir müssen sie füttern. Ja, ein Wunder ist geschehen. Ein wahres Weihnachtswunder!