Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Steinhuhn … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 03.10.2010

183_Auf der Wiesn

Neuer Traumjob meines Sohnes: Auto-Scooter-Type. Wir waren zusammen auf dem Oktoberfest und eigentlich hatte er ein anderes großes Projekt: Geisterbahn. In den vergangenen Jahren fühlte er sich dafür seelisch noch nicht stark genug. Wenn wir über die Wiesn gingen machte er um die Geisterbahnen einen riesigen Bogen, speziell um jene mit Freddy Krueger, der gemeinen Horrorfigur mit den Messerfingern.
Diesmal wollte er es wissen. Schon auf der Fahrt zur Festwiese dozierte er über den Pipikram, den so eine Geisterbahn in seinen Augen darstelle. Er fühle sich dem locker gewachsen, er sei sieben Jahre alt und er habe schon einen Teil von „Harry Potter“ gesehen. Dann fragte er, was in so einer Geisterbahn eigentlich genau passiere, sein Kumpel Fritz habe nämlich in der Schule behauptet, dort würden den Fahrgästen die Augen ausgestochen. Ich versprach ihm, dass dies auf keinen Fall geschähe, schon wegen des geschäftsschädigenden Effektes solcher Darbietungen. Dann erläuterte ich ihm das Wesen der Geisterbahn als im Kern total armseliges Spektakel, in dessen Verlauf man sich die ganze Zeit frage, warum man drei Euro dafür ausgegeben hat.
Er glaubte mir aber nicht. Wenn die Geisterbahn tatsächlich so öde sei wie ich behauptete, warum gingen dann so viele Menschen hinein? Darauf hatte ich auch keine Antwort. Ich nehme an, es ist wie mit Bundestagswahlen oder dem Besuch eines Spiels vom 1.FC Köln: Man hofft immer wieder, dass eine besondere Erkenntnis oder Erfahrung dabei heraus kommt. Tatsächlich stellen sich nur Leere und Enttäuschung ein und dennoch wiederholt man diese Erfahrungen immer wieder. Ich war bestimmt schon 50 Mal in einer Geisterbahn und noch nie war es toll. Aber ich werde weiter hingehen.
Auf dem Oktoberfest nahm ich Nick an die Hand und wir absolvierten zunächst das Spiegelkabinett, welches in der Sprache meines Sohnes Spiegelkabusset heißt. Er knallte sofort gegen eine Scheibe und bekam ein gewaltiges Horn auf der Stirn, zum Ende hin lief er durch eine Lichtschranke und wurde von Druckluft angepustet, was ihn so mörderisch erschreckte, dass er im Affekt umdrehte, zurück rannte und einem Rocker aus Rosenheim gegen den Bierbauch lief, was ich viel traumatischer fand als die Druckluft. Wir kauften Mandeln, Bratwurst und Zuckerwatte, sowie Fanta und ein Eis. Anschließend Mattenrutschen und Kettenkarussel. Dann war mir übel.
Ich erbat eine Pause, die wir auf den Stufen eines Fahrgeschäftes absolvierten.
„Was machen die Leute von der Geisterbahn im Winter?“
„Sie essen Wurstbrote und denken sich neue Geister aus.“
„Was ist das da vorne für eine Pfütze?“
„Das ist Lebensmittelauswurf.“
„Ach so. Was macht der Mann da?“
„Der fährt die Autoscooter zurück, damit sie nicht im Weg rumstehen.“
„Cooool!“
Nick sah der Auto-Scooter-Type zu. Es handelte sich um einen alt aussehenden jungen Mann mit Pferdeschwanz, der lässig auf dem Gummirand des Scooters stand und mit kurzen aber präzisen Lenkbewegungen das Elektroauto parkte. Traumwandlerisch sicher fuhr er durch einen Pulk kreischender Teenager. Er brauchte keine Münzen, um die Scooter zu starten, weil er einen Schlüssel dafür besaß. Einen eigenen Scooter-Schlüssel. Nick war betört. Und dann ging er wirklich zu der Auto-Scooter-Type und fragte sie, was man machen müsse, um diesen Traumjob zu ergattern. Der Mann sagte: „Da kommste in fuffzehn Jahren noch mal vorbei, dann reden wir drüber.“ Nick rechnete aus, dass er dann 22 Jahre alt sein würde.
Er zählt nun die Tage, bis es soweit ist. Und auf die Geisterbahn will er nächstes Jahr. Er stand lange davor, drückte meine Hand und erklärte, er könne das jetzt noch nicht. Er brächte es einfach nicht fertig. Ich drückte ihn zurück und beinahe kamen mir die Tränen ob seiner tiefen Ernsthaftigkeit. Er war so ernst, wie ein Siebenjähriger nur sein kann.