Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Buntbarschboy … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 03.01.2011

196_Jahr der Fehler

Europa stand 2010 am Abgrund, die FDP auch und die Fußballmannschaft von Hannover 96 ganz besonders. Letztere aber nur im ersten Halbjahr. Im zweiten ging es ihr wieder erstaunlich gut. Komisches Jahr. Geprägt von Fehlern: Abwehrfehler, Formulierungsfehler, Strategiefehler. Fehler, so scheint es, sind der Kraftstoff, mit dem der Motor der Weltgeschichte läuft.
Richtige Entscheidungen (bei Grün gefahren) führen zu nichts besonderem, falsche (bei Rot gefahren) hingegen haben oft riesige Folgen. Man muss sich nur historisch fatale Sätze ins Gedächtnis rufen: „Hey, Jungs, guckt mal, da hat jemand ein krasses Riesenholzpferd auf Rollen vors Tor gestellt. Lass’ uns das mal rein holen, bevor’s noch jemand klaut.“ Von vergleichbar trojanischer Wirkung war vor elf Jahren der Vortrag des ZK-Sekretärs Günther Schabowski, als er irrtümlich die Öffnung der Grenze als sofort geltende Regelung verkündete. Ein Fehler, der zum sofortigen Überquellen Westberlins führte.
Schabowskis Quasi-Nachfolger, die Abgeordneten der Linken im Landtag von Nordrhein-Westfalen schafften in schöner Irrtumstradition zwar nicht gleich das Land ab, aber immerhin stimmten sie vor kurzem versehentlich für den Nachtragshaushalt der Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, die wahrscheinlich heute noch darüber kichert. Das war zwar kein folgenschwerer Fehler, zeigt aber doch die Unbekümmertheit unserer Politiker, wenn es um Finanzen geht. Auch Guido Westerwelle gab dafür ein Beispiel. Vor knapp vier Jahren verkündete er, der Staat habe „Geld wie Heu,“ welches er mit seiner Partei nach Amtsantritt flott an Deutschlands Hoteliers verteilte, was wohl ein Fehler war. Einer von vielen neben der Berufung des Eintwicklungshilfeministeriumskritikers Niebel als Entwicklungshilfeminister und Brigitte Homburger als solche. Die nicht zu kennen ist übrigens kein Fehler. Sie ist die unbekannteste aller Fraktionsvorsitzenden des Bundestages und so eine Art Ria Sabay der Politik. Wer Ria Sabay ist? Das ist eine Medizinstudentin aus Münster, die Ende Oktober den großen Fehler beging, sich bei „Schlag den Raab“ zu bewerben. Sie verlor sämtliche Spiele gegen Raab und sagte hinterher, sie sei eigentlich nie richtig in den Zweikampf gekommen. Genau wie Brigitte Homburger.
Inzwischen ist ihre FDP bei drei Prozent Wählerzustimmung angelangt und wahrscheinlich könnte nur jemand wie Thilo Sarrazin die Partei retten und zu neuer Popularität bringen. Aber der hat besseres zu tun. Er gilt als Autor des erfolgreichsten Sachbuchs der Nachkriegszeit und das überrascht, schließlich beinhaltet sein Buch angeblich mehrere Fehler oder Falschdeutungen. Inzwischen hat er sein Werk in Teilen korrigiert, nicht aber seine seltsamen Thesen über die Vererbung von Intelligenz. Und so bleibt dieses Buch wohl der erfolgreichste Fehler des Jahres.
Ja, genau: Fehler können zum Erfolg beitragen, denn über Fehler wird gesprochen und Öffentlichkeit beinhaltet bei uns fast immer auch die Chance auf Popularität, es sei denn man ist Meteorologe und heißt Kachelmann. Aber sonst gilt diese Theorie sogar dann, wenn ganze Landstriche schuldhaft verseucht werden. Als zum Beispiel die Ölplattform Deepwater Horizon aufgrund falscher Entscheidungen innerhalb der Themenkreise „Risiko“ und „Kosten“ explodierte und das ausströmende Öl große Teile der amerikanischen Küste verseuchte, hätte man annehmen können, dass das verantwortliche Unternehmen BP für immer erledigt sein müsste. So viel Geld, um die Ansprüche der Menschen und die Naturschäden zu bezahlen gibt es doch eigentlich gar nicht, das müsste doch das Ende sein. Aber das war nicht so. Im dritten Quartal 2010 machte BP trotz Kosten für die Ölpest von 7,7 Milliarden US-Dollar einen Gewinn von 1,8 Milliarden Dollar. Irgendwie obszön. Aber nicht so obszön wie das Schweigen in Duisburg. Dort und anderswo warten Familien auf ein Bekenntnis, auf jemanden, der Fehler bei der Planung der Love Parade zugibt und bereit ist, die Konsequenzen zu tragen, selbst wenn es nur moralische sind. Ich fürchte, darauf können wir auch 2011 lange warten, wünsche aber allseits ein makelloses neues Jahr.