Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Alterspräsident … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 10.01.2011

197_La Befana

Wenn man eine Familie gründet erhält man die Chance, damit auch eigene Familientraditionen einzuführen. Schließlich stecken die Füße unter dem eigenen Tisch und da kann man drauf hauen (auf den Tisch, nicht auf die Füße) und rufen: „Scheiß-Lametta! Das Zeug habe ich schon immer gehasst. Kommt mir nicht ins Haus, der Kram.“ Und Karpfen auch nicht. Moderne Familien futtern Lachs und am sechsten Januar schlafen sie lange, bis unsäkularisierte Kinder vorbeikommen und mit Kreide an der Tür rumschmieren. Anstatt ihnen dafür eine zu verpassen, spende ich immer Geld, weil Geben seliger ist denn Nehmen.
Ansonsten gab es bei uns bisher keine Festtagsbräuche für den Dreikönigstag. Bis letzten Mittwoch. Da überraschte mich mein Schwiegervater Antonio Abends mit der Ankündigung, La Befana sei im Anflug: „Du, da kommte morgene fruh la Befana und danne gehte die Party ricketig los.“ Manchmal ist es besser, man geht gar nicht auf Antonio ein. Andererseits wollte ich doch wissen, wer oder was La Befana ist. Es konnte sich um eine Geliebte von Silvio Berlusconi handeln. Oder um einen Grippevirus. Oder um eine Soap Opera des italienischen Fernsehens. Also fragte ich ihn, was es mit La Befana auf sich habe.
Er setzte mir auseinander, das La Befana eine hässliche, aber gute Hexe sei. Der Sage nach hörte Befana von den Hirten die Frohe Botschaft und machte sich auf die Suche nach dem Christuskind. Sie brach allerdings wie in Italien allgemein üblich etwas zu spät auf. Da war der Stern von Bethlehem schon erloschen und so konnte Befana das Christuskind nicht finden. Seitdem fliegt sie in der Nacht vom 5. auf den 6. Januar von Kind zu Kind und verteilt Geschenke in der Hoffnung, den Heiland dabei eines Tages zu entdecken. Allerdings fliegt sie nur in Süditalien, was ihre Chancen erheblich verringert. Die Kinder hängen Strümpfe auf und die braven bekommen Süßigkeiten hinein, die unartigen hingegen Kohle. Dabei handelt es sich um schwarz gefärbtes Zuckerzeug, so genannte „Carbone Dolce.“
„I make die Hex,“ rief Antonio und das gefiel mir gut, weil ich mich dann nicht zum Obst machen musste. Vor dem Zubettgehen hängten die Kinder Strümpfe auf und ich erklärte ihnen diese Befana-Geschichte, die Nick ratlos zurück ließ, weil er kein Baby mehr sei und daher selbst für dumme Hexen unmöglich als Jesuskind durchginge.
Am nächsten Morgen waren die Strümpfe leer, denn Antonio verschlief seinen Einsatz. Während die Kinder mäßig enttäuscht ihre Strümpfe inspizierten, um sie danach anzuziehen, deckten Sara und ich den Frühstückstisch. Dann saßen wir zu viert wie üblich daran und Nick bedauerte, nicht katholisch zu sein und daher beim Heiliger-König-Casting nicht in Frage zu kommen. Wenn er wählen könnte, wäre er Caspar, weil der ein HipHopper ist. Für Nick sind alle Schwarzen Hiphopper, auch Barrack Obama.
Wir sahen in den verschneiten Garten. Da kamen die Heiligen Drei Könige die Straße entlang. Sie durchschritten das Gartentor und ich hörte die Sternsinger singen. Auf einmal stürzte eine alte Frau aus einem Busch hervor. Sie war ziemlich hässlich und schrie irgendwas auf Italienisch. Sie trug eine lange Gumminase, meine Joggingschuhe und auf dem Kopf ein Geschirrtuch. Während sie schrie, fuchtelte sie mit den Armen herum und schwenkte eine Plastiktüte. Die Heiligen Drei Könige erstarrten erst und flohen dann panisch samt Gefolge aus dem Garten, wobei ein Weihrauchgefäß zurückblieb und im Schnee vor sich hin qualmte, was die Szene umso schauriger erscheinen ließ. Die Hexe trampelte in Richtung Haustür.
„Warum sieht der Opa so bescheuert aus?“ fragte Carla.
„Das ist nicht der Opa, das ist La Befana,“ sagte Sara. „Wir warten bis sie weg ist und sehen mal nach, ob sie Euch etwas gebracht hat.
Vor der Tür lagen Schokolade und die süße Kohle. Ich muss davon ausgehen, dass auf diese Weise ein neuer Familienbrauch eingeführt ist. Eigentlich schade, denn ich mochte die Heiligen Drei Könige, die Sternsinger und ihren Segensspruch doch ganz gerne. Aber die kommen wahrscheinlich nie wieder zu uns.