Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Yeti … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 17.01.2011

198_Germanische Knödel

Bevor das Jahr richtig losgeht, fahren wir immer in die Skiferien. Bisher ging es in die Schweiz, aber diesmal stand plötzlich Österreich zur Diskussion, und zwar, weil es dort Germknödel gibt. Unser Sohn möchte deshalb überhaupt nur noch nach Österreich. Auch im Sommer. Ich versuchte, ihm einzureden, dass es sich bei einem Germknödel um ein kleines wehrloses Tier handele. „Der Germknödel,“ behauptete ich, „hat vier Beinchen, aber die fallen ab, wenn man ihn kocht. Germknödel werden im Allgemeinen geschossen, zuweilen aber auch über Klippen gehetzt und nicht selten mit Dynamit bejagt. Das ist aber in Österreich verboten, weil sich dann Lawinen lösen können. Gerade das Salzburger Land gilt als überjagt, oft werden sogar Jungtiere abgeknallt.“ Dies alles beeindruckte Nick so sehr, dass er nun erst Recht nach Österreich wollte, um sich das mal genauer anzusehen. Also fuhren wir nach Obertauern, einem Ort auf 1700 Metern, den nur Drottl (österreichisch für „Trottel“) mit Sommerreifen befahren und der im Sommer vollkommen unbewohnt ist. Nur ein Hotel hat dann angeblich geöffnet und in dem machen Busreisende Urlaub, denen man weisgemacht hat, es sei dort im Sommer nicht so überlaufen.
In Obertauern, so wurde uns vorher zugeraunt, regiere inzwischen der Iwan. Da stellt man sich ja sofort dröhnende Ost-Unholde vor, die nach dem Trinken in ihr Glas beißen, Hotelpagen und Kellner mit Ochsenziemern verprügeln und abends in der Bar einen Säbeltanz aufführen. Man wünscht es sich geradezu, damit man sich am Nebentisch Sarrazinesken zuzischeln kann. Ist aber alles nicht passiert, bis auf den Säbeltanz – und der war gar nicht übel.
Ansonsten entpuppten sich die Russenclans als vorwiegend lethargische Großfamilien. Die Väter waren allesamt maulfaule Typen, wahrscheinlich schwer im Zwielicht schuftende Moskowiter (ziemlich geiles Gerd-Ruge-Deutsch ist das. Top-Journalisten sagen natürlich „Moskowiter“ und nicht „Moskauer“). Die Oligarchin an der Seite des moskowitischen Schweigers neigt ebenfalls nicht zum schnattern. Sie raucht und guckt und trinkt und glitzert. Besonders das Glitzern hat es in sich. Beinahe hätte ich eine posttraumatische Belastungsstörung erlitten, als ich am zweiten Tag eine Dame im Lift traf, deren Beinkleid funkelte wie der Handschuh von Michael Jackson. Ich nehme an, dass die offensive Gestaltung der Hose auf ein Joint Venture zwischen Ed Hardy und Swarovski zurückging.
Am russischen Weihnachtstag dann morgens Getöse am Oligarchentisch. Wahrscheinlich Bescherung. Laute Begeisterungsschreie aus Kindermündern, die ich nicht übersetzen konnte. Aber der Jubel klang in etwa so, als hätte der kleine Junge gerufen: „Papa! Mama! Ein Playmobil-Gulag! Jipieeh!“
Was war sonst noch beeindruckend an diesem Urlaub in Redbullland? Die Prominentenfotos natürlich. Kein österreichisches Lokal kommt ohne Promibilder im Eingang aus. Das ist natürlich auch woanders der Fall. In Hamburg ist es zum Beispiel beinahe unmöglich, ein Lokal zu betreten, in dessen Eingang nicht Uwe Seeler hängt und grinst. In München posierte Franz Beckenbauer bereits in so ziemlich jedem verfügbaren Restaurant. Aber das ist nichts gegen Obertauern. Da habe ich ein Hotel entdeckt, in dem Franz Beckenbauer UND Uwe Seeler sogar gleichzeitig auf einem Foto um die Wette strahlten wie mit Blattgold verzierte Oligarchen. Das war wirklich überwältigend.
Ähnlich ergreifend fand Nick, dass ich immer schon vorher wusste, was der auf dem Teller liegende Germknödel zuletzt gegessen hatte, nämlich Pflaumen. Bei der Obduktion war tatsächlich immer Pflaumenmus im Bauch des blinden pelzlosen Nagetiers. Nach einer Woche fuhren wir wieder nach Hause. Ich zahlte die Hotelrechnung und mein Sohn verabschiedete sich, und zwar mit den Worten von Herrn O. aus Frankfurt, der jeden Abend die Hotelbar mit folgendem Reim verlassen hatte: „Es sprach dä Scheisch zum Emir, erst zahl’n mir und dann geh’n mir. Es sprach dä Emir zum Scheisch: Mir zahl’n net, mir geh’n gleisch. Da sprach der Abdul Hamid: Und’s Tischduch neh’m wir a mit.“ Na sdorowje!