Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Reiseleider … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 24.01.2011

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Schon wieder 700 Zuchtbetriebe für Geflügel oder Schweine oder Kühe geschlossen. In Niedersachsen. Komisch. Erst letzte Woche wurden 1000 geschlossen, davor waren es bereits hunderte. Man könnte angesichts dieser Meldungen meinen, dass ganz Niedersachsen nur aus Hühnerfarmen und Schweineställen besteht. Alle paar Meter ein Mastbetrieb. Dazwischen Siele, Wiesen, Schweinebauern in Gummistiefeln und Hannover. Komisch. War mir so auf meinen Reisen gar nicht aufgefallen. Ich werde das jetzt überprüfen, denn meine Saison hat begonnen, jetzt bin ich wieder monatelang unterwegs. Ich werde eine Bauernhofzählung aus dem Zugfenster vornehmen.
Ja, ich werde wieder viel mit der Bahn unterwegs sein. Das ist natürlich ein riesiges Vergnügen. Sitzen und warten, warten und sitzen und zwischendurch fahren. Ich bin gerne Bahnkunde und lasse mir diesen Spaß nicht einmal von der Bahn vermiesen. Am meisten liebe ich Zugdurchsagen. Die sollen jetzt demnächst kürzer werden, es gibt sogar Schulungen dafür, damit die Zugbegleiter die Gäste nicht stören. Verstehe ich gar nicht. Im Moment heißt es immer: „Sehr verehrte Fahrgäste, wir erreichen nun in Kürze Würzburg Hauptbahnhof, leider konnten Ihre Anschlusszüge nicht warten, Ausstieg rechts, auf Wiedersehen und vielen Dank für Ihre Fahrt mit der Deutschen Bahn.“ Was ist daran zu lang? Aus Effizienzgründen wird es vermutlich demnächst heißen: „Alle mal herhören. Gleich: Würzburg. Anschlusszüge futsch, tschö.“ Das ist ja nicht viel besser.
Ja, vieles an der Bahn ist echt schlimm, schlimm, schlimm, besonders der Vorstand. Und die Wurst. Aber, und nun kommt das ganz große Aber: Abgesehen von den Durchsagen hält die Bahn einfach mal sauber die Klappe. Keine Musikberieselung. Das rechne ich der Bahn wirklich hoch an, denn es unterscheidet sie wohltuend von anderen Carriern (das sind Unternehmen, die Menschen, Waren und Schweinsleberwurst transportieren). Air Berlin zum Beispiel. Man steigt in deren Flugzeuge, setzt sich arglos hin und dann kommt eine derart widerlich scheußliche Musik, dass man Schweißausbrüche und harten Stuhl kriegt und vor lauter Stress und Verzweiflung am liebsten Löcher ins Polster popeln würde.
Auf den Videomonitoren sind drei Damen zu sehen, bei denen es sich um „Appasionante“ handelt, den offiziellen Air-Berlin-Markenbotschafterinnen, was immer das bedeuten mag. Die singen wie niedersächsische Kälber auf dem Weg zum Schafott. Wirklich wahr. Ihr Lied heißt „Wings“ und jedes Mal, wenn ich es hören muss, beschlagen meine Brillengläser, besonders zum Schluss, wenn dieser Alptraum nicht enden und nicht enden will. Dann stehen die drei Air-Berlin-Walküren im Video auf einer Bühne und schreien die Passagiere an. Und ich denke: Ist das jetzt das Ende, das jüngste Gericht? Muss mein Leben so enden? Auf einem Mittelplatz eingeschnürt und die Ohren unerbittlich geöffnet für die Markenbotschafterinnen von Air Berlin? Ich wette, das Lied hat der Air-Berlin-Boss Joachim Hunold persönlich ausgewählt, genau wie die drei Sängerinnen. Vielleicht hat er das Lied sogar selber komponiert. Und niemand aus seiner Firma hatte den Mumm, ihm zu sagen, dass das keine gute Idee war. Denn: Die Leute mögen keine Musik im Flugzeug. Sich dagegen zu wehren wäre mal eine tipptopp-Aufgabe für den deutschen Wutbürger. Man steht doch auch gegen andere Unbotmäßigkeiten auf, Dioxin-Eier aus Niedersachsen zum Beispiel. Immerhin eine mutige Streiterin für Ruhe im Flieger gibt es bereits.
Die in jeder Hinsicht starke Elke Heidenreich betrat einmal unter heftigem Gedudel ein Flugzeug, setzte sich und bat die Stewardess, die Mucke auszumachen. Die Flugbegleiterin entgegnete, dass die Musik den Menschen gefiele und daher an bleiben müsse. Da stand Elke Heidenreich auf und machte eine Durchsage: „Hallo! Entschuldigen Sie bitte die Störung. Die Stewardess sagte gerade, man könne die Musik nicht ausmachen, weil Sie sie so gerne hören. Das glaube ich nicht. Finger hoch, wer möchte, dass dieser Quatsch ausgemacht wird.“ Es hoben sich ungefähr 300 Finger. Und eine Minute später war es still. Ganz still. Wie im ICE von Hannover nach Braunschweig.