Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Nasszelle … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 31.01.2011

200_Antonios Supermedizin

Der schlechteste Patient der Welt heißt Antonio Marcipane. Das weiß ich seit letztem Sonntag. Da klingelte nämlich spätabends das Telefon und erst war nur ein schweres Atmen zu hören. Ich wollte gerade damit beginnen, den mutmaßlich pubertierenden Anrufer zu beschimpfen, als ich diesen mit Grabesstimme flüstern hörte: „Liebe Jung, biste Du das?“
„Ach Antonio, Du bist’s! Ciaochen.“
Mein Schwiegervater teilte heiser mit, dass es zu Ende gehe mit ihm. Er habe sich daher entschlossen, mir fernmündlich „Arrivederci“ zu sagen. „Bini bereite zu loslassen. I sehe eine Lickte.“
„Was denn für ein Licht?“ fragte ich ihn milde besorgt, denn für einen Todgeweihten klang er mir zu sehr nach Seifenoper.
„Kennste Du nikte der Lickt?“ röchelte er ungeduldig. „Sagte man so.“
„Ach so. Das Licht. Natürlich,“ sagte ich.
Als ich ihn fragte, was eigentlich mit ihm los sei, hatte ich Ursula am Ohr: „Nix hat der. Erkältung. Dicke Nase und Kopfschmerzen.“ Er liege seit Tagen im Bett und mache Theater. Ich regte an, mal zum Arzt zu gehen und Ursula erzählte, dass sie genau dort vor einigen Tagen gewesen seien, bei ihrem Hausarzt. Den Mann kenne ich und genau genommen ist er nicht der Hausarzt meiner Schwiegereltern, sondern er wohnt zwei Häuser weiter. Diesen Umstand nimmt Antonio zum Anlass, den armen Mann nicht in dessen Praxis, sondern zuhause aufzusuchen und zwar vorwiegend abends, wenn dieser frei hat. Außerdem ist der Typ Dermatologe.
Der so genannte Hausarzt erklärte Antonio, dass dieser sich einen Schnupfen eingefangen habe. Aber damit war Antonio nicht zufrieden. Er hielt sich am Ärmel des Arztes fest und streckte ihm die Zunge heraus, damit er seinen Befund noch einmal anhand eines Blicks in den Abgrund des Antonioschen Schlundes überprüfen könne. Aber der Arzt blieb dabei und behauptete, das lege sich nach ein paar Tagen wieder. Er empfahl eine Nasendusche.
Auf dem kurzen Heimweg – Antonio war praktischerweise in Pyjama und Mantel unterwegs – begegnete ihnen Nachbar Thoms. Antonio musste diesem auseinandersetzen, dass der Doktor von nebenan ein Scharlatan sei. Er, also Antonio, habe erstens eine schwere Lungenentzündung und zweitens höchstwahrscheinlich einen Tumor irgendwo. Und dieser Quacksalber habe ihm geraten, mit seiner Nase in eine Dusche zu gehen. Dabei gehöre er in ein Krankenhaus. Wenn Herr Thoms demnächst länger von ihm nichts höre, läge das daran, dass er gestorben sei und der Doktor sei schuld. Da Antonio seinen viertelstündigen Vortrag leicht bekleidet und in Hausschuhen hielt, nehme ich an, dass er sich dabei erst so richtig fett erkältete. Oder der Thoms hat ihn angesteckt. Jedenfalls verschlechterte sich Antonios Zustand innerhalb eines Tages dramatisch und führte schließlich zu diesem eigenartigen sonntäglichen Anruf. Er habe sich entschieden, dass ich seinen Fernseher bekäme.
„Danke, das ist sehr großzügig“, sagte ich. Dann wisperte er, es handele sich um eine ganz neue Krankheit, er sei der erste Mensch, der darunter leide und dann bat er um die letzte Ölung.
Für Menschen wie ihn, denen die Diagnose „Erkältung“ nicht ausreicht, weil sie zu profan und harmlos klingt, sind Fachbegriffe wie zum Beispiel „ILI“ erfunden worden. Das steht für „Influenza like illness.“ Toll, die Amis, finden für alles eine Abkürzung. Eine ILI ist also eine grippeähnliche Erkrankung, genau wie das „flu-like-syndrom.“ Die Beschwerden werden über ein Virus verbreitet, aber eben kein Grippevirus.
Eine ILI dauert eine gute Woche. Ich muss es wissen, denn ich leide grauenhafte Qualen. Rotz. Schnief, Ächz. Und nichts hilft bisher. Antonio hingegen ist wieder fit. Am Dienstag meldete er sich, um von seiner Genesung zu berichten und von einer Wundermedizin, die ihm das Leben gerettet habe: Hühnersuppe. Er führte deren Wirksamkeit auf einen Inhaltsstoff zurück, der gerade eben erst von Wissenschaftlern entdeckt worden sei und nun zum Wohle der Menschheit den deutschen Hühnern massenhaft verabreicht würde: Dioxin.