Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Buntbarschboy … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 07.02.2011

201_Macht und Mütze

Manchmal, wenn mir sonst nichts einfällt, entspanne ich mich bei dem Gedanken, die Weltherrschaft an mich zu reißen. Wie es wohl wäre, wenn alleine ich Schönheitsideale vorschreiben, Minister mit einem Fingerschnipsen entlassen oder Ampelphasen im Berliner Berufsverkehr zu meinem Vergnügen manipulieren dürfte. Das wäre schön. Allerdings benötigt man zum diktatorischen Regime allerhand Utensilien, die mir abgehen. Ich besitze zum Beispiel keine Otterfellmütze. Die ist aber zum Regieren absolut nötig, wie ich gerade erfahren habe. Und zwar aus Nordkorea.
Nicht, dass mich News aus Nordkorea sonderlich interessieren, schließlich ist Nordkorea weit weg und wir haben so etwas selber. Wir nennen es Hessen. Aber bei dieser Meldung aus dem seltsamen Reich des Kim Jong-Il denkt man dann doch, dass historische Veränderung in der Luft liegt. Die tektonischen Platten der Macht scheinen sich in Nordkorea sanft zu verschieben: Der Sohn des Diktators, eine pummelige Type namens Kim-Jong-Un, durfte vorige Woche zum ersten Mal öffentlich: Papas Otterfellmütze tragen. Kein Witz.
Diese Meldung ist hochbrisant, weil sie unter Kennern die Spekulation auf einen baldigen Machtwechsel nährt. Tatsächlich darf nämlich nur der Chef in Nordkorea eine Otterfellmütze tragen. Vater gutes Stück stammt aus westlicher Fertigung und vermutlich riecht es etwas streng, nach Otter eben, was seinen Sohn aber nicht stören wird, solange der Deckel schick aussieht und seinen Machtanspruch auf das wärmste unterstreicht. Andere Vertreter des Regimes tragen übrigens zumindest im Winter ähnlich aussehende Kopfbedeckungen, allerdings sind diese von minderer nordkoreanischer Qualität, wie Regierungsvertreter nun verlautbart haben.
In Deutschland trägt kein Mächtiger eine Mütze, außer vielleicht der Ministerpräsident von Hessen, Volker Bouffier. Es sieht ein wenig danach aus, als trüge er eine Perücke über einem Toupet und die Vorstellung, dass die Amtsübergabe in Hessen nach der nächsten Landtagswahl wie in Nordkorea durch Übergabe der Mütze an den Wahlsieger vollzogen wird, stimmt heiter und nährt die Hoffnung auf baldige Neuwahlen.
Mir fehlt zum Regieren zugegebenermaßen noch mehr als nur die ulkige Kopfbedeckung. Da muss man auch ein bestimmter Typ für sein. Tatsächlich bin ich nicht einmal autoritär genug, um meine Tochter daran zu hindern, riesige Berge von Schmelzkäse im Bett zu verzehren und dabei Dauertelefonate zu führen. Daher lebe ich meine Machtphantasien im Geheimen aus. Manchmal tue ich so, als sei ich ein Superagent. Ich schalte die Mikrowelle genau eine Sekunde vor Ablauf des Mikrowellencountdowns aus und fühle mich, als hätte ich in letzter Sekunde eine Atombombe entschärft. Dann bringe ich meiner Frau ihr Haferkissen. Sara liegt seit einiger Zeit darauf, weil es gut ist für ihre Schulter. Das Ding muss vor dem Schlafengehen erwärmt werden und deshalb lege ich es für drei Minuten in die Mikrowelle. Meine Frau riecht danach wie ein Brot. Das ist gut, außer man befindet sich auf Diät.
Wahrscheinlich bin ich einfach kein Machtmensch und die Weltherrschaft liegt mir gar nicht, denn das ist ja auch unheimlich anstrengend, immer nur gegen den Willen eines Volkes durchzuregieren. Das muss Hosni Mubarak gerade erfahren und es macht keine Freude. Ich werde also von meiner Willkürherrschaft erst einmal Abstand nehmen. Macht auf seine Mitmenschen kann man außerdem auch im ganz kleinen Maßstab ausüben.
Ein Beispiel dafür gab mir neulich ein fremder Mann, der neben mir im Flugzeug saß. Als die Maschine zum Halten kam schnallte er sich ab und stellte dann den Gurt enger, indem er den Verschluss verschob. Der nächste Fluggast auf diesem Platz würde diesen in jedem Fall weiten müssen. Ich hatte so was noch nie gesehen und fragte den Mann nach dem Grund für diese Aktion. Er sagte: „Wenn sich gleich jemand da hinsetzt, wird er das Gefühl haben, zu dick für diesen Gurt zu sein.“ Ich fand das gemein. Ich fragte ihn: „Und das gefällt Ihnen?“ Er antwortete nicht, erhob sich, nahm sein Gepäck aus der Ablage und ging. Noch im Flugzeug setzte er seine Fellmütze auf.