Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Nachbar … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 14.02.2011

202_Der Traumvater

Das hat man nun davon, wenn man meint, immer Konversation betreiben zu müssen. Aber hinterher ist man ja immer schlauer. Worum es geht? Um Rollenbilder geht es. Aber der Reihe nach. Die ganze Bredouille begann damit, dass wir zu Mittag aßen. Das machen viele Familien in Deutschland jeden Tag. Aber bei uns war so eine komische Stimmung. Niemand sprach, dabei hatte keiner schlechte Laune. Ich mag es nicht, wenn alle stumm das Essen in sich hinein schaufeln. Ich will auch quatschen. Also stellte ich meinen Kindern eine Frage, einfach so, irgendeine belanglose Frage, nur um das Tischgespräch ein bisschen ins Brummen zu bringen.
„Mal angenommen, es gäbe mich gar nicht: Wen hättet Ihr dann am liebsten als Vater?“ Ich dachte, dass sei ein Top-Essens-Thema und hoffte nebenbei, dass meine Kinder sagen würden, dass sie sich niemand anders als Vater vorstellen könnten, als nur mich. Väter sind so, manche jedenfalls, also ich. Sara fand die Frage auch interessant und die Kinder dachten nach, Nick allerdings nur sehr kurz. Dann rief er „Homer Simpson!“ Das fand ich eine ganz gute Wahl. Homer Simpson ist doof, aber lustig. Carla nahm sich etwas mehr Zeit und rief dann: „Ich will Till Schweiger als Vater!“ Der ist auch doof, aber überhaupt nicht lustig. Er dreht steindumme Filme und ist beleidigt, wenn Journalisten ihrem Berufsethos gehorchen und genau das schreiben.
„Warum bitte denn ausgerechnet der?“ fragte ich empört. Ben Stiller hätte ich okay gefunden, meinetwegen auch Joachim Löw, aber Till Schweiger? Der Typ gehört in die Achse des Blöden zwischen Mario Barth und Dieter Bohlen. Wobei letzterer auf gespenstische Weise das Ansehen vieler Jugendlicher genießt. Obwohl er mal von der Kommission für Jugendmedienschutz der Landesmedienanstalten wegen seines „herabwertenden und antisozialen Verhaltens“ gegenüber den armen Kandidaten von „Deutschland sucht den Superstar“ gegeißelt wurde, durfte er sogar den Kummerkastenonkel in der „Bravo“ geben und verzweifelte Jugendliche psychologisch beraten.
Und warum jetzt also Till Schweiger? Carla knabberte an ihrem Salat und führte dann aus, dass der im Film so eine tolle Wohnung habe und super mit Kindern umgehen könne. „Kann ich auch“, meckerte ich. „Aber er guckt immer so süß.“ Till Schweiger guckt süß! Ich versuchte, so zu gucken wie Till Schweiger, so treudoof von unten, wie man eben gucken muss, damit Mädchenherzen schneller pochen. Carla lachte und sagte: „Du kannst das nicht.“ Ich wies sie darauf hin, dass ich andere Dinge könne, die der feine Herr Schweiger ganz sicher nicht beherrsche und Carla sagte: „Die interessieren nur niemanden. Aber außerdem sieht der super aus.“ Sie betonte das „der“ auf eine ziemlich provozierende Weise. Jetzt war ich beleidigt. Selber schuld.
„Wofür ist es denn bitteschön so wichtig, dass ein Vater gut aussieht?“ fragte ich in selbstquälerischer Beharrlichkeit. Carla beschenkte mich mit einem mitleidigen Blick, brachte ihren Teller in die Küche und verschwand in ihrem Zimmer, um telefonierend zu kichern. Oder um kichernd zu telefonieren. Wahrscheinlich ging es um mich.
Ich blieb sitzen und dachte darüber nach, wen ich als Junge gerne zum Vater gehabt hätte. Und dann fiel es mir wieder ein: Lex Barker. Old Shatterhand.1974 war der mein Traumvater. Lex Barker ging mit diesem oberlässigen Wildlederoutfit auf Kriegspfad. Mein Vater ging nur mit Anzug und Krawatte ins Büro. Er hatte nicht den kleinsten Schimmer vom Anschleichen, konnte keinen Tomahawk werfen und wenn er nach Hause kam, machte er kein Lagerfeuer an, sondern den Fernseher. Und plötzlich konnte ich meine Tochter verstehen. Alleine die Vorstellung, mit Till Schweiger in einem seiner unoriginellen, aber schön eingerichteten Filme zu leben, hebt in Mädchenseelen wahrscheinlich die größten romantischen Schätze. Besonders, wenn er so von unten guckt.
Ich stand auf und räumte die Spülmaschine ein. Welchen Vater sich wohl Walter Kohl gewünscht hat, als er zwölf Jahre alt war?