Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Sekundenkleber … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 21.02.2011

203_3D-Kino

Antonio Marcipane saß an unserem Küchentisch und hielt einen Vortrag über Silvio Berlusconi. Er hat dessen Regentschaft nie richtig verfolgt, fand ihn aber immer sehr attraktiv ¬¬¬¬¬¬¬ – für einen Mann. Wie viele seiner Landsleute störte Antonio sich nicht an Berlusconis Eskapaden, im Gegenteil: Er hielt ihn für ein epochales Beispiel altersloser Virilität. Die Sache mit dem jungen Ding im Mailänder Palazzo war dann aber selbst Antonio zu viel. Frauen für Sex zu bezahlen, das sei einfach: total unsportlich. Fand er.
Sara wechselte das Thema, weil Nick mit Ohren wie Dumbo am Tisch saß und Müsli löffelte. Sie fragte in die Runde, ob jemand mit ihr und Nick ins Kino wolle. Es laufe „Gulliver“ in 3D. Unser Sohn liebt 3D-Filme ungeachtet ihres Inhalts. Er würde sich auch die Seniorengymnastik im dritten Programm angucken, wenn es die in 3D gäbe. Zu meiner Überraschung wollte Antonio mit. Also fuhren wir in ein riesiges Kino mit einer zwanzig Meter langen Süßwarentheke, an der Nick Popcorn bestellte. Dann kam Antonio an die Reihe:
„Iste der Poppecorn gut?“ fragte er die Verkäuferin.
„Sehr gut,“ sagte die Verkäuferin. „Klein, Medium, Groß oder XXL?“
„Was? Wer? Iech?“
„Doch nicht du, das Popcorn“ sagte ich. Die Werbung hatte bereits begonnen. Antonio wiegte den Kopf hin und her. Er konnte sich nicht entscheiden und ließ sich Musterpackungen zeigen. Dann bemühte er einen mehrstrophigen Abzählreim italienischen Ursprungs und landete natürlich bei der großen Tüte. Das hätte ich ihm auch gleich sagen können.
„Süß oder salzig?“, fragte die Verkäuferin.
Antonio war überfordert. Nick und Sara gingen schon mal vor. Ich wartete. Für süß sprach, dass er mehr Lust darauf hatte, für salzig sprach die Uhrzeit. Es war 16 Uhr und um diese Zeit isst man in seiner Heimat keine süßen Sachen mehr, außer man ist unter ein Meter fünfzig. Antonio ist ein Meter fünfundsechzig groß und daher steht bei ihm ab dem späteren Nachmittag Salziges auf dem Programm. Der Kartenabreißer warf Ticketreste vor dem Kinosaal in einen Papierkorb und trat von einem Bein aufs andere. Antonio bat um ein süßes Popcorn, um es zu testen, dann um ein salziges, um zu vergleichen. Er kam mir vor, als stünde er am Olivenstand auf dem Wochenmarkt von Campobasso, wo alle Zeit haben und wo kein Film anfängt. Antonio entschied sich schließlich dafür, die untere Hälfte der Tüte mit salzigem und die obere Hälfte mit süßem Popcorn füllen zu lassen.
Ich hastete zum Saal, der Abreißer reichte mir eine 3-D-Brille.
„Was solle der da sein?“
„Das ist eine Spezialbrille, mit der Du räumlich sehen kannst.“
„Das kanni seite balde 70 Jahre schon.“ Antonio wies die Brille brüsk zurück, zumal er sie auch hässlich fand. Und er könne alles ausgezeichnet sehen, auch dritte Dimensionen. Ich wollte darüber nicht mehr diskutieren. Ich wollte ins Kino.
Nachdem wir uns gesetzt und Sara mir die ersten Minuten des Films erzählt hatte, geriet Gulliver in einen riesigen Strudel und landete in Liliput. Ich entspannte mich allmählich. Nach etwa 25 Minuten stupste Antonio mich an.
„He,“ raunte er. Dieses Kino sei nicht gut, denn das Bild auf der Leinwand sei total unscharf. Ich nahm meine 3D-Brille ab und schob sie ihm auf die Nase. Antonio machte „Ohh“ und fing augenblicklich an zu lachen. Dann griff er tief in die Popcorntüte, raschelte darin herum und versank in den Film.
Ich ging raus und suchte nach dem Mann mit den Brillen, aber da war niemand. Also kaufte ich mir eine kleine Tüte Popcorn und setze mich auf eine Bank vor das Kino. Eine Stunde später kam meine Familie raus und Sara wunderte sich darüber, dass ich mittendrin gegangen sei. So übel sei der Film nicht gewesen. Und Antonio fügte hinzu, besonders die Effekte seien ganz fantastisch. Man brauche allerdings natürlich schon eine Spezialbrille dafür. Sonst habe das alles keinen Sinn.