Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Kapselheber … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 28.02.2011

204_Konsumverhalten

Erfreulicherweise ist bei uns im Dorf absolut nichts los. Es gibt hier keine Ampel, kein Schnellrestaurant, keine mit Drahtsesseln möblierte FuZo, keine Tauben, keine Universität mit einer lästigen Promotionsordnung und erfrischend wenig Straßenverkehr. Unser Dorf verfügt lediglich über einen für manche Mitbürger Schwindel erregenden neuen Kreisverkehr, eine alte Tankstelle und ein seit gefühlt zehn Jahren eingerüstetes Rathaus.
Wenn ich von meinen Reisen nach Hause fahre, kehre ich Großstädten den Rücken, in denen ich stundenlang auf mit Rollsplit eingesauten Bahnsteigen vor mich hin gefroren habe. Ich lasse die Schwarmunintelligenz diverser Autobahnbenutzer und die fleckige Auslegeware deutscher Kettenhotels hinter mir. Ich komme in einen Ort zurück, in dem die größte Aufregung entsteht, wenn die Mülltonnen geleert oder Kühe über die Straße getrieben werden. Das gefällt mir. Vor allem mag ich, dass es bei uns so gut wie gar nichts zu kaufen gibt. Das trägt zur Ruhe bei. Eigentlich. Tatsächlich hat aber dieser Umstand keineswegs dazu geführt, dass die Dorfbewohner weniger konsumieren würden als Menschen, die in einer Stadt leben. Schließlich haben wir hier atemberaubend flottes Internet.
Mir ist das egal. Ich befinde mich konsumtechnisch im Jahr 1981. Wenn ich ein Hemd brauche, fahre ich in die Stadt. Oder ich bringe eins von der Reise mit. Sara hingegen hält zahlreiche Online-Dealer mit Klamottenbestellungen auf Trab. Das ist aber nicht weiter schlimm, denn das meiste schickt sie zum Glück postwendend wieder zurück. Vor drei Tagen kam ich nach Hause und im Wohnzimmer lagen haufenweise Plünnen herum die sie bestellt und anprobiert hatte. Nun war sie gerade dabei, einen Teil der Ware wieder zu verpacken. Gefiel ihr doch nicht. Eine Hose lag etwas abseits, weil sie nicht wusste, was sie damit anfangen sollte.
„Ich mag das Ding nicht, aber das ist nicht das Problem“ sagte sie. Dann erklärte sie mir, sie habe diese Hose zwar bestellt, aber auf der Rechnung stünde „AUSVERKAUFT“ neben der Artikelnummer und „0 Euro.“ Die Hose sei also versehentlich geliefert und nicht berechnet worden. Sie könne das Ding nun verschenken, ändern lassen, bei Ebay verticken oder zurück schicken. Außer der letzten seien alle Optionen moralisch verwerflich, aber origineller, sagte sie. Das ist eine sehr italienische Einstellung, sie ist eben die Tochter ihres Vaters.
Ich riet ihr, beim Händler anzurufen und dort zu fragen ob er die Hose zurück haben wolle oder ob man sie auch behalten könne wenn die sich dort geirrt hätten. Die Dame von der Hotline antwortete, sie persönlich würde das Teil behalten, aber sie hätte auch gekündigt. Das leuchtete Sara ein. Ich schlug dennoch vor, die Hose formlos mit dem anderen Kram zurück zu schicken. Sara war dagegen. „Es kann sein, dass das Warensystem des Händlers durchdreht und eine offiziell nicht ausgelieferte, aber retournierte Hose vom Computer als Eindringling, quasi als Virus aufgefasst wird. Vielleicht fliegt die ganze Internetbude davon in die Luft“, barmte sie. Daran wolle sie nicht schuld sein. Ich hob meine deutschen Bedenkenträgerbrauen und sie trug das Teil schließlich mit einigen anderen zur Post.
Als sie zurückkam, hatte sie im Dorfladen etwas für mich gekauft, eine geradezu antiurbane Zeitschrift: „Auf einen Blick“ heißt die. Es befinden sich wundersame und geheimnisvolle Beiträge darin, zum Beispiel ein Pfannentest. Darin heißt es: „Wichtig ist auch ein stabiler Griff, damit die Pfanne sicher transportiert werden kann.“ Wer transportiert denn Pfannen? Und wohin? Und warum? Weiter hinten im Heft stehen ein Ratekrimi mit dem fesselnden Titel „Wo ist Dieter?“ und ein Artikel unter der alarmierenden Überschrift „Ich erwischte meinen Mann in Frauenkleidern.“ Das ist wahrscheinlich der Dieter. Und er hat seine Pfanne dabei. Herrlicher Spaß.
Aber deshalb hat sie mir das Heft nicht auf den Schreibtisch gelegt. Sie fand, dass das Titelbild vielleicht etwas für mich sein könnte. Das Cover der „auf einen Blick“ ziert ein älteres Foto der Moderatorin Monika Lierhaus. Und darunter steht doch tatsächlich die Zeile: „Deutschlands schönster Hund.“