Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Nasszelle … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 14.03.2011

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Als ich noch im Rheinland lebte, hasste ich Karneval. Und der Karneval hasste mich. Wenn ich morgens meine Düsseldorfer Wohnung verließ, um zur Arbeit zu gehen, musste ich während der so genannten tollen Tage über Erbrochenes und trunkene Narren steigen und die wochenlange Beschallung mit Humptata-Musik machte mich depressiv. Um dem zu entgehen boten sich nur zwei Alternativen: innere oder äußere Emigration. Bei der inneren lieh man sich sieben Filme aus der Videothek, kaufte einen Kasten Bier, ließ die Rollläden herunter und verließ das Haus erst wieder am Aschermittwoch. Bei der äußeren Emigration floh man nach Amsterdam oder Paris und machte drei Tage lang, was man da eben so macht. Dann zog ich nach Bayern und der Spuk war vorüber, weil der bayerische Fasching ungefähr so tumultös ist wie das Mitternachtsangeln am Müritzsee.
Komischerweise sah ich mir aber nach einigen Jahren den Rosenmontagszug im Fernsehen an und bekam Heimweh, das ich sonst nie habe. Letztes Jahr guckte Nick mit. Er fragte, was die Leute da machten und ich schilderte ihm den Düsseldorfer Umzug als lustiges Brauchtum, bei dem jeder Besucher zehn Kilo Süßigkeiten geschenkt bekommt. Nick wollte sofort hin. Deshalb fuhr ich mit ihm letztes Wochenende nach Düsseldorf. Am Montag zogen wir unsere Kostüme an und gingen zum Zoch. Nick war als Vampir unterwegs, ich als Chirurg. Ohne Kostüm wird man auf dem Rosenmontagszug gesteinigt.
Mein Vampir und ich saßen dann in der Straßenbahn. An der ersten Station stieg eine Kuh ein, die sich uns gegenüber setzte, um dann umständlich eine Flasche „kleiner Feigling“ aus ihrem Euter zu kramen und diese zu leeren. Nick sah der Kuh beim trinken zu und sagte: „Da ist ein Mann drin in der Kuh. Aber die Kuh hat Euter. Ich glaube, mit dem stimmt was nicht.“ Zu der Kuh gesellte sich bald ein Astronaut, dessen Kostüm aus etwa dreißig Meter Alufolie bestand. Bis hierhin bot der Karneval zwar drastische Schauwerte, aber nicht den von mir in Aussicht gestellten Humor, wie Nick anmerkte. In der Altstadt stiegen wir aus und am liebsten wäre ich gleich weiter gefahren. Ich hatte die ganze Angelegenheit gar nicht so voll in Erinnerung. Das letzte Mal war ich ungefähr 1984 beim Zug, und wurde so lange von einem japanischen Touristen angegraben, bis ich meine Bluse öffnete und zwei Tennisbälle aus meinem BH holte, worauf der Asiate panisch vor Scham das Weite suchte.
Egal. Jedenfalls waren hier ganz bestimmt zu viele Menschen. Dachte ich. Aber Nick war begeistert, so viele Gleichgesinnte zu treffen. Damit meinte er all jene, die sich gerne kostümieren und Lieder singen. Das macht er eigentlich das ganze Jahr über, er ist der geborene Karnevalist. Ich bot ihm an, irgendwo außerhalb des närrischen Epizentrums eine Stelle am Zug zu suchen, wo man nicht entweder Bier in den Nacken oder eine Faust ins Maul bekommt, aber Nick wollte mitten rein. Ganz nach vorne.
Die Wagen und die Spielmannszüge kamen vorbei, eigentlich alles moderat lustig und friedlich. Bis mein Sohn verschwand. Einen Moment hatte ich nicht aufgepasst und mich mit den Augen unter ein Funkenmariechen verirrt, was schon mal vorkommen darf. Da war er verschwunden. Und wieder da. Ich erspähte einen kleinen Vampir, der blitzschnell an einem Wagen hochkletterte. Ich sah, wie mein Sohn oben von einem uniformierten Herrn in Empfang genommen wurde. Die Menge applaudierte. Nick zeigte auf mich und sprach mit dem General, der Nick seine große Mütze aufsetzte. Dann warf mir mein Sohn Kamelle zu, aus vollen Händen warf er und rief: „Helau!“ Und ich stolperte wie von Sinnen hinter ihm her. Beim nächsten Halt gab man ihn mir zurück. Ich schimpfte, aber Nick hörte gar nicht zu. Er befand sich in einem Rosenmontagsrausch, der auch am Veilchendienstag noch anhielt.
Ich habe dann sehr viele SMS und Mails bekommen. Die meisten von Freunden, die mich im Fernsehen gesehen haben. Der Tenor war immer derselbe: Ich sei offenbar hypnotisiert hinter einem Wagen her gelaufen, mit ausgebreiteten Armen und einem umherfliegenden Stethoskop um den Hals. Ob es mir gut gehe. Man mache sich Sorgen um mich. Wo ich doch eigentlich so ein Karnevalshasser sei.