Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Blumenkohl … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 21.03.2011

207_Hochzeit des Jahres

Wir kommen in ein kritisches Alter, denn die Hochzeitseinladungen werden weniger. Dafür nehmen jene für 50. Geburtstage zu. Und die zu Trauerfeiern. Wenn überhaupt noch geheiratet wird, bekommt man das oft gar nicht mehr mit. Vor einigen Wochen traute sich ein Freund von mir zum dritten Mal, aber er machte kein Aufhebens davon. Seine Braut und er gingen alleine zum Standesamt und fuhren danach zu Ikea, um dort feierlich zu frühstücken. Das kann man traurig finden, aber auch konsequent.
Ich war auf jeden Fall überrascht, als ich heute morgen mit der Post einen kostspieligen Umschlag aus dem Briefkasten würgte. Dieser enthielt einen dicken Stapel Papier. Die erste Seite war überschrieben mit „Unsere Traumhochzeit.“ Darunter macht es heute keiner mehr. Traumehen sind selten geworden, aber die Hochzeiten sind gigantisch. Ich las. Es handelte sich hierbei nicht einfach um eine Trauung, sondern um eine Mischung aus einer Studiosus-Reise, einer Nordwand-Besteigung und einem Volksmusik-Event. William und Kate sind eine Lachpille gegen Matthias und Saskia.
Die beiden rechnen fest damit, dass wir uns die Zeit vom 13.- 16. Mai freihalten. Sie erwarten uns ab Freitag,12 Uhr. Und zwar nicht in Stuttgart, wo sie zuhause sind, sondern in Österreich, am Wörthersee. Dort haben sie Kontingente in drei Hotels reserviert und wir können uns aussuchen, wo wir schlafen wollen, Preisliste anbei. Natürlich dürfen wir die Kinder mitnehmen, dann sind es eben zwei Zimmer.
Nach der Ankunft erfolgt eine mehrstündige gemeinsame Wanderung auf einen Berg und zu einem Imker, bei dem man Honig und Kerzen kaufen kann. Matthias und Saskia wünschen sich, dass alle mitkommen, weil wir sicher sehen wollen, wo er ihr den Heiratsantrag gemacht hat, nämlich am Gipfelkreuz (wetterfeste Kleidung!). Dort wird Punkt 18 Uhr ein halbes Schwein gegrillt, danach kommt eine Aufführung der besten Lieder von Udo Jürgens zum Vortrag, dargeboten von Verwandten des Brautpaares, die seit November proben.
Nach der Rückkehr ins Hotel (gegen 20:30 Uhr) möchten wir uns bitte umziehen (Tracht!), denn es geht um 21 Uhr in einen Heuschober, wo uns ein Zitherspieler sowie diverse Kärntner Spezialitäten erwarten. Wir könnten schon mal das Essen bestellen, dann geht es damit schneller (Preisliste anbei). Kinder bis zwölf Jahre sind am Freitagabend nicht erwünscht, weil die Eltern sonst immer an ihnen herum erziehen und das schlägt auf die Stimmung.
Am Samstag erhalten alle Gäste die Möglichkeit, mit Matthias zum Gleitschirmfliegen zu gehen. Möglich sind auch Tandemflüge (Preisliste anbei). Danach umziehen, Mittagessen in einem bezaubernden Lokal 20 Kilometer südlich von Klagenfurt und gegen 15 Uhr treffen wir uns zur Hochzeitsmesse, die von einem ganz irren Pfarrer abgehalten wird, den Matthias und Saskia mal auf einem Harley-Treffen in der Lüneburger Heide kennen gelernt haben.
Anschließend dürfen wir unsere Geschenke in einer antiken Postkusche ablegen (Wunschliste anbei) oder Geld in einen Kasten werfen. Für eine neue Couch, Abbildung (ächz) anbei. Dann folgt ein Go-Cart-Rennen gegen Einheimische und Abends dann das Essen und die Feier, zu der die Herren im Smoking erscheinen sollen, denn das Motto der Party lautet: Die wilden Zwanziger. Kinder bitte dazu nicht mitbringen, siehe oben. Gerne dürfen wir uns auch am Abendprogramm beteiligen. Beiträge und Ideen möchten wir bitte bei den Cousinen anmelden, deren Kontaktdaten wir auf Seite neun finden. Die freuen sich schon!
Zum Ausklang der Feierlichkeiten bittet man uns am Sonntag zu einem gemütlichen Hüttenfrühstück auf 1800 Metern Höhe und dann wird es langsam Zeit für die Abreise. Klingt ja wirklich sehr aufregend, besonders der Hinweis, man habe ein Jahr lang geplant und wünsche sich sehr, dass alle Gäste mitziehen.
Das würde ich vielleicht auch. Nur: Ich habe absolut keinen Schimmer, wer Mathias und Saskia überhaupt sind.