Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Beinscheibe … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 28.03.2011

208_Schweinsgedöns und Kommunismus

In letzter Zeit erstaunt mich öfter, dass unsere kleine deutsche Welt einigermaßen funktioniert, obwohl sich nicht einmal die Menschen verstehen, die aus demselben Kulturkreis stammen und daher doch dieselbe Sprache sprechen.
Da stehe ich zum Beispiel in Hamburg am Dammtorbahnhof rum und stelle fest, dass mir das Feuerzeug abhanden gekommen ist. Ich grübele und wühle und entscheide schließlich, ein Neues zu kaufen. Dazu betrete ich eine im Bahnhof befindliche Rauchwarenhandlung, in der es nach alter Derrick-Folge riecht. Ein Kunde ist schon dort und sagt gerade: „Eine rote Gauloises.“ Dies ist eine klare Ansage, zumal in einem Laden mit rückwärtigem Zigarettenregal. Davor steht eine Frau und sagt: „Da müssen Sie hier rüber kommen.“ Dann bewegt sie sich seitwärts zur Lottoscheinabteilung. Der Mann versteht nicht, warum er zu den Lottoscheinen soll, wenn er Zigaretten kaufen will. Also bleibt er einfach mal stehen. Hätte ich an seiner Stelle auch gemacht. Die Frau ruft: „Hier rüber!“ und er ruft zurück: „Warum?“ und sie wiederholt: „Hier rüber.“ Der Mann hält das für eine Schikane. Es braucht dann ungefähr drei Minuten bis er seine Zigaretten hat, weil die Frau nicht „eine rote Gauloises“ verstanden hat, sondern „ein Rubbellos.“
Dieses Missverständnis mag noch einer gewissen Harthörigkeit der Verkäuferin geschuldet sein, aber das nächste Beispiel totaler Unverständigkeit ist psychologisch schon bemerkenswert. Es spielt im Göttinger „Kartoffelhaus,“ in welchem ich letzte Woche Nudeln aß. Am Nebentisch hockten sechs Rentner, die bei einer jungen Servierkraft Essen bestellten. Sie schrieb stoisch auf, was die Herren diktierten, dann kam der Letzte an die Reihe und sprach: „Ich nehme das Zürcher Schweinsgeschnitzge, äh, das Schnetz, das Schweinsschnitz.“ Die Kellnerin legte den Kopf schief und erstarrte dann in einer wie ausgeschaltet wirkenden Warteposition. Der Herr nahm tief Luft und einen neuen Anlauf: „Das Wiener! Neee, das Züricher Schwanzgeschnetz. Ähh.“ Tiefe Verzweiflung. Ich saß am Nebentisch und dachte: „Komm Junge, spuck’s aus, sag’s einfach. Gib’ Dir’n Ruck.“ Ich litt mit ihm. Die Kellnerin ließ den Bleistift sinken. Sie hätte ihm auch helfen können. Aber sie wartete. Der alte Mann seufzte und hob wieder an: „Na, das Dings nehme ich. Das Schnetzschweins.“ Dann hatte er eine Idee. Er schlug die Speisekarte auf, fuhr mit dem Finger die Hauptgerichte entlang, tippte auf sein Wunschessen und rief freudig erregt: „Hier isses doch.“ Und dann feierlich: „Ich nehme: Das Züricher: Schweine: Gedöns!“ Die Kellnerin schrieb es auf und fragte völlig unbewegt: „Kleinen Salat dazu?“
Ich bin dann nach Leipzig gefahren. Zur Buchmesse. Dort lungerte ich am Stand meines Verlages herum und absolvierte herrlich unkommunikative Pressegespräche, deren Absurdität sich aus der schon rührenden Uninformiertheit der fragenden Damen und Herren speiste. Eine wollte tatsächlich mit mir über meinen neuen Roman „Maria, ihm schmeckt’s nicht“ sprechen. Als ich ihr sagte, dass das Buch sieben Jahre alt sei, antwortete sie: „Na und? Ist doch egal? Oder glauben Sie, das merkt hier einer?“
Das hübscheste Interview wurde beim Mitteldeutschen Rundfunk geführt und live im Radio gesendet. Ich sollte um zehn Uhr am MDR-Stand erscheinen, doch da steckte ich gerade fest, und zwar zwischen als Mangafiguren verkleideten Jugendlichen in einer architektonisch fragwürdigen Glasröhre. Ich fühlte mich wie ein Krümel in einer Sanduhr. Mir fiel dann ein, dass es zur vollen Stunde erst Nachrichten geben würde und dann Wetter und Verkehr. Ich griff abgehetzt um 10:04 Uhr zum Mikrofon und die Moderatorin begann das Gespräch leutselig mit den Worten: „Bei mir ist jetzt der Kommunist Jan Weiler.“ Ich begehrte erschöpft auf, dass ich nicht Kommunist sei, sondern Kolumnist. Aber das war ihr egal. Ist doch im Grunde alles dasselbe.