Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Fichten-Moped … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 04.04.2011

209_Weiberdiplomatie

Man sollte häufiger auf die Bundeskanzlerin hören. Seit Tagen predigt Angela Merkel: „Aussteigen ja, aber aussteigen mit Augenmaß.“ Und was mache ich Blödian? Stolpere mein Verlassen der S-Bahn, weil ich nicht richtig hinsehe. Mein Koffer knallt auf den Bahnsteig, springt auf und alle Fahrgäste der S7 können sehen, was drin ist, nämlich Hemden, Socken, Unterhosen und regionale Spezialitäten, die ich auf meiner Reise geschenkt bekommen habe. Ich raffe mein Zeug zusammen, die Bahn fährt weiter und mein Handy liegt im Gleisbett. Also klettere ich hinein, um es zu holen, mache mich dabei furchtbar schmutzig und biete den Leuten auf der anderen Bahnsteigseite ein erbärmliches Schauspiel, weil ich nicht die Huberbuam bin und das Erklettern eines Bahnsteiges mühsam finde. Das Handy funktioniert wider Erwarten noch, sieht aber aus als hätte Rainer Brüderle darauf eine Tarantella getanzt.
Ich latsche verdreckt und beleidigt vom Bahnhof nach Hause. Meine Frau öffnet keineswegs mit den Worten: „Oh, Gatte, wie schön Dich zu sehen! Ich habe fein gekocht, den Rotwein geöffnet und den Kamin mit Buchenscheiten beschickt.“ Sie sagt stattdessen: “Wie siehst Du denn aus? Und was machst Du überhaupt hier?“ Ich sage, dass ich in diesem Haus wohne und sie sagt, dass sie erst morgen mit mir gerechnet habe. Kleines Missverständnis. Rotwein verkorkt, Kamin kalt, Küche ebenso. Sara fügt hinzu, dass sie zudem verabredet sei, weil ich ja morgen habe nach Hause kommen wollen. Davon kann zwar keine Rede sein, aber ich bin erschöpft. Und verärgert wegen meines Ausstiegs ohne Augenmaß. Immerhin tue ich Sara leid. Sie sagt: „Du kannst ja mitkommen!“ Sie habe sich mit ein paar Freundinnen beim Italiener verabredet. „Ach nein, da störe ich doch nur,“ jammere ich, aber Sara will weder denen absagen, noch auf meine Gesellschaft verzichten.
Auf der Hinfahrt instruiert sie mich, dass Diskretion bei ihren Freundinnen oberstes Gebot sei. Bedeutet: Man redet niemals über Anwesende. Und: unangenehme Geschichten dürfen nie auf einen selber zurückfallen. Man offenbare unter Frauen also nicht, dass man von einem Diätmittel Durchfall bekommt, sondern: Eine Bekannte einer Nachbarin der Schwägerin von der Metzgerin hat ja Maleur de Kack von diesem Zeugs gekriegt. Habe man gehört. Und man bittet niemals um die Telefonnummer eines Fachmannes für erektile Dysfunktion, sondern frage ganz beiläufig, wie noch mal der nette Typ hieß, der dem Bruder von der Schwägerin der Kindergärtnerin so geholfen habe, man habe ihn im Supermarkt gesehen und sich nicht mehr an seinen Namen erinnert.
Ich frage Sara, warum ihre Freundinnen nicht einfach ehrlich seien. Schließlich wisse doch jede Frau am Tisch, dass Susannas Mann diese Probleme hat. Und überhaupt sei es wahnsinnig anstrengend, so kompliziert zu kommunizieren. Aber Sara meint, das sei alles nur eine Frage der Übung.
Bei Tisch halte ich mich dann sehr zurück und werde dafür von den Frauen geduldet, die sich im weiblichen Diplomatensound hauptsächlich über Männer und Ernährung und Erziehung unterhalten und wem welche Hosen nicht stünden. Gähn. Kein Wort über Fußball übrigens.
Aber beim Tiramisu erzählt Claudia eine total irre Geschichte, die ihr die Frau aus der Bäckerei weiter tratschte, die es von einer Kundin hat, die es angeblich sogar mit dem Handy gefilmt hat. Jedenfalls war da heute Nachmittag ein Typ bei der S-Bahn, der versucht hat, den 150 Zentimeter hohen Bahnsteig raufzuklettern, mit einem Handy im Mund. Total witzig sei der gewesen, wie Dick und Doof in einer Person habe der sich angestellt. Bestimmt sei der aus dem Dorf. Sie wolle wirklich gerne wissen, wer das gewesen sei, aber auf dem Film sehe man ihn nur von hinten.
Auf der Rückfahrt frage ich Sara, ob Claudia gewusst habe, dass sie von mir erzählte. Und Sara sagt: „Natürlich! Das wusste doch jeder.“ Und ich denke: Frauen sind rätselhaft. Aber irgendwie toll.