Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Beinscheibe … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 11.04.2011

210_Film oder Traum?

Nick hat ein Problem. Mit Randall Boggs. Das ist ein echsenähnliches gemeines Biest aus dem Film „Die Monster AG.“ Nick hat eine unbeschreibliche Angst vor diesem Randall und behauptet, er würde nachts von ihm träumen. Eigentlich ist das keine besonders gruselige Figur, aber ich weiß, dass man solche Sorgen ernst nehmen muss. Weil ich seit 38 Jahren von dem Mann in der Telefonzelle verfolgt werde. Es vergeht keine Woche, in der ich nicht an ihn denke. Mag sein, dass Teile meiner Erinnerung falsch sind, aber in den Grundzügen habe ich alles noch genau vor mir. Ich muss ungefähr sechs Jahre alt gewesen sein als ich diesen Kurzfilm sah.
Er spielt Ende der sechziger Jahre oder Anfang der Siebziger. Es ist ein Farbfilm, leicht verblasst. Stellen Sie sich nun eine amerikanische Kleinstadt an einem heißen Tag vor. Eine Hauptstraße, ein Gehweg, eine Telefonzelle. Ein Mann mittleren Alters – er trägt einen dunklen Anzug – betritt diese Telefonzelle, nimmt den Hörer ab und beginnt zu telefonieren. Wir sehen ihn von außen, können nicht verstehen, was er sagt und es ist auch gar nicht wichtig. Das geht eine Weile so. Der Film hat übrigens in meiner Erinnerung gar keinen Ton. Nach einer Weile hängt der Mann ein und wendet sich gegen die Tür. Er will die Telefonzelle verlassen, aber die Tür klemmt. Er rüttelt etwas ungeduldig daran, aber sie geht nicht auf. Er pocht gegen die Scheibe, rüttelt, zieht, tritt. Die Tür öffnet sich nicht.
Passanten gehen vorbei, ohne von der Lage des Herrn im Anzug Notiz zu nehmen, was diesen in seiner Zelle verzweifeln lässt. Er schreit nun, tonlos, die Fußgänger um ihn herum an, schlägt den Hörer ans Fenster, aber niemand beachtet ihn. Er ist mitten unter Menschen mutterseelenallein. Offenbar wird es allmählich warm in der Zelle, die Sonne scheint auf das Glas. Der Mann schwitzt. Vielleicht hatte er zuvor einen schwarzen Hut auf, den er jetzt abnimmt. Dann sackt er zusammen und kauert sich auf den Boden der Telefonzelle.
Ein Pritschenwagen erscheint. Die Telefonzelle mit dem darin sitzenden Mann wird auf die Ladefläche gehoben. Vielleicht denkt der Mann, die Zelle würde nun zur Reparatur gebracht. Er steht auf und macht wieder auf sich aufmerksam, doch niemand scheint ihn zu bemerken.
Schließlich hält der Wagen an, die Zelle wird wieder abgeladen, aber ich erinnere mich nicht an Arbeiter, die das machen. Der Mann schreit und schlägt gegen die Scheibe, sieht sich nach etwaigen Helfern in der Not um. Da bekommt sein Gesicht einen einzigartigen Ausdruck von Entsetzen und Todesangst. Als er sich umsieht, zieht auch die Kamera auf und wir sehen dutzende von Telefonzellen mit Menschen darin. Die meisten sind schon tot, es sind Skelette dabei, manche haben noch die Hand am Hörer. In einigen Zellen ist Bewegung, da krümmen sich lebendige Menschen und scheinen zu rufen. Die Kamera fährt immer weiter weg und es sind hunderte, vielleicht tausende Telefonzellen auf einem riesigen Feld zu sehen. Ende.
Vielleicht habe ich das auch nur geträumt, aber dagegen spricht einiges. Es kommen keine Sechsjährigen in der Handlung vor, auch niemand aus meiner Familie. Und die ganze Sache spielt in Amerika. Und: Ich habe jeden Traum, den ich irgendwann einmal geträumt habe, mit der Zeit vergessen. Aber diese Geschichte nicht. Ich habe sie nicht geträumt. Oder?
Über die Jahre erzählte ich vielen Menschen, meistens Filmleuten oder Kritikern, von dieser merkwürdigen Geschichte. Einige sagten, sie könnten sich vorstellen, dass es sich um einen experimentellen Kurzfilm handelte, aber niemand kannte dessen Titel oder Herkunft.
Wenn Sie wissen, ob es sich tatsächlich um einen Film handelt, dann melden Sie sich. Bitte. Damit ich den Mann endlich vergessen kann. Und was Randall angeht, werde ich Nick vorschlagen, dass wir ihn in Gedanken in eine Telefonzelle sperren und ihn in eine Wüste fahren, wo er niemanden mehr erschrecken kann.