Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Bahn-Opfer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 25.04.2011

212_Saisoneröffnung

Die ersten warmen Sonnenstrahlen fielen in den Garten. Ich stand mit einem Espresso am Fenster und sah hinaus. Ich kann den Winter nicht leiden und genieße es, wenn grüne Blättchen knackend aus Zweigen brechen und dem Kältequatsch ein Ende machen. Triumph der guten Laune. Nick saß am Esstisch und montierte Kanonen an einen Legomann, den er mir als zuvor als „Supor, der Terrortyp“ vorgestellt hatte. Sein Legolem besaß neben beeindruckender Feuerkraft rollende Füße sowie einen Hut voller Handgranaten. Ein Meisterstück moderner Wehrtechnik, geschaffen an kalten Nachmittagen. Doch nun war es endlich warm. Ich sagte Nick, dass er mal wieder schön nach draußen könne, vielleicht sogar barfuß. Ein fabelhafter Tag war das und er wurde immer fabelhafter, weil immer heißer. Wir saßen dann den ganzen Tag draußen und ich schwärmte vom Sommer und dass dieser just an diesem Tage begonnen habe und bitteschön erst im November enden möge. So hätte ich das gerne.
Nachdem ich die Grillsaison eingeläutet und die Sonne sich verabschiedet hatte, war ich ein bisschen traurig. Da stand Nick plötzlich freudestrahlend vor mir. Er erläuterte mir, dass er soeben vom Dachboden komme. „Aha,“ sagte ich. „Und was hast Du da gemacht?“ Er habe dort nach dem Zelt gesucht. Wir besitzen ein Zwei-Mann-Zelt. Ich weiß nicht, warum. Und wo es ist, weiß ich auch nicht. Aber Nick wusste es. Er hatte es bereits in den Garten geschleppt und fast zur Hälfte aufgebaut. Der Anblick erinnerte mich an meinen vor vielen Jahren gescheiterten Versuch, dieses Zelt auf einen bretonischen Felsen zu nageln. Dabei hatte ich sämtliche Heringe ruiniert und anschließend mit meiner Frau im Hotel geschlafen. Das ist sowieso viel besser.
Ich fragte Nick, wofür er dieses Mahnmal des unbekannten Campers aufgebaut habe und er antwortete mit leuchtenden Augen, dass wir drei – er und ich und Supor, die Terrortype – heute Nacht im Zelt schliefen. Es fielen mir gleich drei gute Argumente ein, warum das nicht ging. Erstens besitzen wir keine Luftmatratzen. Zweitens habe ich grundsätzlich keine Lust zu zelten und drittens macht man so was im SOMMER, aber doch nicht im April. Nick hielt dagegen, dass schließlich ich es gewesen sei, der den ganzen Tag behauptet habe, dass der Sommer endlich da sei und jetzt, auf einmal, sei kein Sommer mehr? Er fühle sich von mir verarscht, sagte er. Wörtlich. Und dann holte der die große Psychokeule raus. Die trifft immer: Er wolle einmal etwas mit seinem Vater unternehmen, ein Vater-Sohn-Projekt unternehmen. Nur er und ich. Einmal! Bitte! Da bekam ich eine Zukunftsvision: Nick sitzt als erwachsener Mann mit zwölf Geiseln in einer Bank und telefoniert mit einem Psychologen. Dieser fragt meinen Sohn, warum er zum Verbrecher geworden sei und mein Sohn antwortet kalt: „Weil mein Vater nie mit mir zelten wollte. Und nun räche ich mich dafür an der Gesellschaft.“
Wir packten Proviant ein und Taschenlampen. Ich legte Kissen aus dem Wohnzimmer in das armselige Zelt, dann schlüpften wir in unsere Schlafsäcke. Ich erzählte Nick eine Geschichte, wir leuchteten mit den Taschenlampen herum und machten Faxen, bis Nick einschlief. Ich hingegen bekam stundenlang kein Auge zu. Brettharter eiskalter Aprilboden. Geräusche. Aufs Zelt pinkelnde Marder. Ich erwachte gegen viertel nach Sechs und hatte Rückenschmerzen wie Jesus am Karfreitag. Neben mir lag Supor, die Terrortype. Nicks Schlafsack hingegen war leer, kein Sohn drin. Ich pellte mich aus dem klammen Zelt und ging ins Haus. Herr Sohn lag gemütlich neben Sara in meinem Bett. Nachdem er ausgeschlafen hatte, teilte er mit, es sei ja doch recht frisch gewesen. Man solle froh sein, wenn man ein schönes Bett hat und nicht auf dem Boden schlafen muss. Er bewundere mich aber sehr dafür, dass ich durchgehalten habe. Na immerhin. Hoffentlich erinnert er sich an diese Heldentat, wenn er eine Karriere als Verbrecher ins Auge fasst.