Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Bananenkrümmer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 16.05.2011

215_Das fehlende Gen

Zum Glück ist jetzt bei unserer Tochter gerade Geometrie. Das geht ja noch. Ansonsten schwimmen mir im mathematischen Bereich die Felle weg. Und zwar mit einer mittleren Fließgeschwindigkeit von drei Metern pro Sekunde. Wie lange bräuchten meine Felle im Rhein von Boppard bis Bonn? Allerdings mit Gegenverkehr aus Holland, der pro Viertelstunde meine Felle um 1,7 Prozent bremst, außer zwischen Koblenz und Neuwied, da bremst er um 23,6 Prozent. Alptraum. Kann ich nicht. Kapier ich nicht. Spätestens im nächsten Jahr wird diese Teilleistungsschwäche meine väterliche Autorität zum Einsturz bringen. Das Kartenhaus meiner vermeintlichen Wissensbreite wackelt bereits.
Und das, wo jeder weiß, dass man ohne profunde Mathematikkenntnisse im globalen Wettbewerb nicht mehr bestehen kann. Was soll aus meinen Kindern werden, wenn sie in wenigen Jahren das Assessment Center eines multinationalen Konzerns als Loser verlassen und nicht für eine Großraumbürokarriere infrage kommen? Ich weiß nicht, ob ich das überlebe. Shocking. Ohne Mathe ist das Leben nur noch 50,3 Pfennig wert. Oder stimmt das gar nicht und man kommt ausgezeichnet ohne jedes Mathegen durchs Leben?
Nehmen wir zum Beispiel Beethoven. Wie man heute weiß, war der ein geradezu erbarmungswürdig schlechter Rechner. Er würde heute nicht einmal im Call-Center eines Klingeltonbetrügers einen Job bekommen. Dies belegen die Notizen des Komponisten. Was ihm als Schöpfer von Sinfonien, Kammermusiken, unzähligen Liedern und einer Oper am Schreibtisch fast mühelos und flüssig an Noten aus dem Geist purzelte steht in einem krassen Kontrast zu seinem völligen Unvermögen, auch nur die banalsten Rechnungen zu vollziehen. So addierte er elf Halbe, indem er elf Mal ½ untereinander schrieb und darunter die Summe notierte: 10,5. Ludwig van Beethoven rechnete ungefähr so wie mein Sohn. Das gibt mir Hoffnung. Leider hat Nick aber bisher keinerlei Ambitionen gezeigt, ein schönes Streichquartett zu komponieren. Sein musikalisches Repertoire reicht lediglich von „Finger im Po, Mexiko“ bis „Die Karawane zieht weiter.“
Ein anderes Beispiel, und viel aktueller. Die FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin ist in wenigen Jahren von einer EU-Praktikantin zur Vizepräsidentin des ganzen Ladens aufgestiegen und dabei auch nicht über ihre mathematische Minderbegabung gestolpert. Einmal sollte sie in der Talk-Show des mit gemeinem Carme nachbohrenden Frank Plasberg über den Daumen peilen, um wie viel Euro die Staatsverschuldung in der 75 Minuten dauernden Sendung angewachsen sei. Die schlitzohrig promovierte Volkswirtin verkündete: „6000 Euro.“ Damit vertat sie sich lediglich um knapp zwei Millionen Euro. Aber was sind schon Zahlen, wenn man Fürsprecher wie Guido Westerwelle hat, der einst über Frau Koch-Mehrin sagte, sie sei „eine ganz kompetente, super-sympathische Frau.“ Darauf kommt es an und nicht auf spitzfindige Rechnereien. So.
Überhaupt verstehe ich nicht, warum dauernd auf diesen erschwindelten Doktorgraden so herumgeritten wird. Die Frau hat drei Kinder! Und dann die Parlamentsarbeit! Und die Fototermine! Wie soll man denn da noch so eine lästige Promotion unterbringen? Aber da hätte sie mal mich fragen sollen. Ich weiß, wie man ganz einfach und dann noch für lau zu einem feinen Doktor kommt. Kann jeder haben. Sie auch, liebe Leserinnen und Leser. Wenn Sie das nächste Mal eine Bahncard, ein Flugticket oder einen Kundenausweis im Internet bestellen, einfach im Feld „Titel“ die Option „Doktor“ aktivieren. Mache ich jetzt auch. Und werde an jedem Counter nett begrüßt. Trotz meiner ewigen Sechs in Mathe.